Da, wo die gesicherten Fakten des authentischen Falls ins Spekulative driften, geht's im Film erst richtig los. Graf und Ani spinnen die Ausgangslage weiter - und sie stoßen mit einer Radikalität und einer Wucht in Abgründe vor, die das deutsche Fernsehspiel so unverblümt normalerweise nicht kennt.
Erstklassige Besetzung
Auch die Besetzung ist erstklassig: Ronald Zehrfeld ist wie im Western der "Lonesome Stranger", dem der Zuschauer in den Sündenpfuhl eines Provinzkaffs nahe der tschechischen Grenze folgt.
Zehrfeld spielt den jungen Berliner Kommissar Niklas Tanner, versetzt in die Kreisstadt Sihl. Hier, in der tiefsten oberfränkischen Provinz, interpretiert der korrupte Kripochef Michel (Ulrich Noethen) die Sache mit der Wahrheitsfindung sehr frei.
Vor elf Jahren hat Michel den inzwischen pensionierten Kommissar Altendorf (Elmar Wepper) als Chef einer SOKO abgelöst und im Handumdrehen einen Mörder der vermissten Sina Kolb präsentiert - ein damals achtjähriges Mädchen, dessen Leiche nie gefunden wurde. Verurteilt wurde - auch hier schrieb die Realität das Drehbuch - ein geistig behinderter Gastwirtssohn, an dessen Schuld im Örtchen Eisenstein aber die wenigsten glauben mögen.
Überragend inszeniert
Der aktuelle Mord an einer Zeugin von damals bringt den jungen Tanner dazu, die alten Akten zu öffnen, die sein Chef Michel unter allen Umständen verschlossen halten will. Michels Kontakte reichen hoch in die Bayerische Staatskanzlei zum Innenminister (Michael Lerchenberg), der bald als Ministerpräsident kandidieren möchte. Die Lebensader von Michels Widersacher Altendorf reicht runter in den heimischen Keller, wo der kränkelnde Ex-Kommissar Hunderte von Ermittlungsdokumenten archiviert und an die Wand geheftet hat.
Keller hat nicht mehr die Kraft und den Schneid, den Unglücks-Fall seines Lebens aufzuklären. Tanner hat beides - und es treibt ihn durchs Niemandsland über die tschechische Grenze in einen Vorort der Hölle.
Auch um den authentischen Peggy-Fall kreisten eine Weile Theorien, die in Richtung Kinderpornografie und -prostitution weisen. Was die Darstellung dieses unsagbaren Verbrechens, was die Radikalität der gezeigten Gewalt und die Konsequenz der Denunziation staatlicher Institutionen angeht, lässt einen dieser überragend inszenierte Krimi schwer schlucken.
Das Unaussprechliche erzählen
Die Morallosigkeit saugt förmlich die Farbe aus den braunstichigen Bildern. Wo andere hölzerne Erklärdialoge wuchern lassen, findet Dominik Graf große, einschneidende Bilder, die das Unaussprechliche viel besser erzählen.
Am Ende feiert die Gerechtigkeit einen blutigen Triumph in Showdown-Manier. Auf eine erlösende Gewissheit im realen "Fall Peggy" warten die Menschen allerdings noch immer vergebens. 2020 wurden die Ermittlungen eingestellt.
Im Jahr 2012 wurde das Drehbuch zu „Das unsichtbare Mädchen“ von Friedrich Ani und Ina Jung mit dem Bayerischen Fernsehpreis geehrt. Im selben Jahr stand der Film außerdem auf der Nominierungsliste für den 3sat-Zuschauerpreis beim Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden. Schauspieler Ulrich Noethen erhielt dort eine Auszeichnung für seine herausragende darstellerische Leistung.
Auch beim Deutschen Fernsehpreis 2012 war der Film präsent: Ulrich Noethen und Silke Bodenbender wurden in der Kategorie beste Schauspieler nominiert. Zusätzlich ging im selben Jahr eine DIVA-Trophäe in der Kategorie bester Film an „Das unsichtbare Mädchen“. 2013 folgten weitere Ehrungen, als der Fernsehfilm bei der Goldenen Kamera in drei Kategorien nominiert wurde: „Bester Fernsehfilm“, „Beste deutsche Schauspielerin“ (Silke Bodenbender) und „Bester deutscher Schauspieler“ (Ulrich Noethen).
"Das unsichtbare Mädchen" läuft am Freitag (20. Februar 2026) um 20.15 Uhr bei ARTE.
Quelle: teleschau – der mediendienst