Dürfe und solle man eine Szene schneiden, wenn sie einer Schauspielerin - «die ich sehr verehrt habe und verehre» - weh tue? «Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?», fragte Wenders bei der Gala in Berlin. Der Regisseur bat die Deutsche Filmakademie auch damals um eine Debatte.
Kinskis Anwalt Christian Schertz hatte gesagt, dass Wenders ein persönliches Gespräch mit Kinski zu der Szene «bereits seit Jahren verweigert» habe. Vor der jetzigen Mitteilung von Wenders hatte er den Übergang zu formalen juristischen Schritten angekündigt.
Die Mitteilung des Filmemachers begrüßte er nun. «Sie ist allerdings auch längst überfällig gewesen», sagte Schertz. «Ich bedauere zudem, dass das erst in Folge des öffentlichen Drucks erfolgte, nachdem er in seiner Rede auf dem Deutschen Filmpreis zunächst versucht hat, die Verantwortung abzugeben, und das Ansinnen von Nastassja Kinski indirekt als Zensur bewertete, was wirklich infam war.»
«Man muss an dieser Stelle nochmal betonen, dass zuvor sämtliche Bemühungen von Frau Kinski und mir über mehr als zehn Jahre gescheitert waren, sie hierzu anzuhören», fuhr er fort. «Zudem muss man natürlich abwarten, was jetzt konkret das Gesprächsangebot beinhaltet.»
«Schneide diese verdammten zwei Minuten raus»
Der Umgang mit der Szene und Wenders' Rede führte zu Debatten in der Filmbranche und darüber hinaus. Feministin Alice Schwarzer etwa forderte den Filmemacher auf, die Szene aus dem Film zu entfernen. «Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!», schrieb sie in der Zeitschrift «Emma».
Mit Filmen wie «Der Himmel über Berlin», «Buena Vista Social Club» und «Perfect Days» ist Wenders einer der angesehensten Filmemacher Deutschlands geworden. Mit Kinski hatte er auch das Roadmovie «Paris, Texas» gedreht. Die Deutsche Filmakademie verlieh ihm den diesjährigen Ehrenpreis.
Welche Szenen noch umstritten sind
Kinski war schon beim Tatort «Reifezeugnis» aus dem Jahr 1977 gegen eine Nacktszene vorgegangen. Damals verkörperte sie als Jugendliche eine Schülerin, die ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hat. Ihr Anwalt Schertz bestätigte, dass es bei dem Film von Wolfgang Petersen eine Einigung mit dem NDR gab, ohne Details zu nennen. Auch der NDR äußerte sich nicht weiter.
Es ist nicht das erste Mal, dass Schauspielerinnen und Schauspieler im Nachhinein problematische Dreharbeiten und sexualisierte Darstellungen kritisieren. Als große Entgleisung gilt bis heute eine Sexszene zwischen Marlon Brando und Maria Schneider in Bernardo Bertoluccis Film «Der letzte Tango in Paris» (1972). Später sagte Schneider: «Ich fühlte mich verletzt und, um ehrlich zu sein, ein wenig fühlte ich mich auch vergewaltigt, und zwar durch beide, Marlon und Bertolucci.»
Ein weiteres prominentes Beispiel ist die US-amerikanische Schauspielerin Brooke Shields, die im Alter von 14 Jahren in «Die blaue Lagune» (1980) einen Teenager verkörperte, der zum ersten Mal Sex hat. Später kritisierte sie in einer Doku, dass der Film damals ihr sexuelles Erwachen ausgenutzt habe.