Dennoch lässt sich der Einfluss von «Despacito» klar ablesen: Wie die kolumbianische Musikexpertin Leila Cobo 2018 im US-Branchenblatt «Billboard» schrieb, schafften es 2015 drei Songs in die US-Charts, 2016 waren es vier. 2017, im Jahr als der Bieber-Remix erschien, waren es ganze 19, darunter auch mehrere mit Latin-Vorreiterin Shakira.
Die Rolle von Streaming und internationalen Kollaborationen
Das Prinzip, sich mit großen Mainstream-Künstlern zusammenzutun, wiederholten auch J Balvin und Willy William, die 2017 einen Remix von «Mi Gente» mit Beyoncé veröffentlichten. Sänger Ozuna nahm den Song «Lo Modelo» mit Rapperin Cardi B auf. Rosalía tat sich unter anderem mit Travis Scott, Billie Eilish und The Weeknd zusammen.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist das Musikstreaming. Cobo schrieb, dass Streaming mittlerweile ein wesentlicher Bestandteil der US-Charts sei – und dass Plattformen wie Spotify und Youtube Latin-Künstler sichtbarer machten als traditionelle Radiosender, die sie lange ignorierten. «Streaming hat es ermöglicht, unsere Lebensfreude mit der Welt zu teilen», sagte auch Luis Fonsi. «New York Times»-Musikkritiker Jon Pareles schrieb, dass die Künstler nicht mehr auf den US-Markt angewiesen seien - die Welt höre bereits zu.
Hitmaschine für den globalen Markt
Der Erfolg liegt aber auch am Sound selbst. Leila Cobo schreibt, dass lateinamerikanische Künstler früher vor allem für ihren Heimatmarkt produzierten. Heute schreiben viele für ein globales Publikum – und setzen dabei weniger auf Sprache als auf Tanzbarkeit. Und in der Tat: Die Lieder sind in der Regel von einem eingängigen Reggaeton-Beat getrieben und vereinen in sich eine Bandbreite unterschiedlicher Einflüsse.
Damit schließt sich der Kreis zu Bad Bunny und Rosalía: Oft machen Latin-Künstler Popmusik, die auch deswegen vielen Spaß macht, weil sie so innovativ ist und stetig neue Impulse setzt. Auf dem neuen Rosalía-Album sind Klassik-Elemente sehr präsent. Bad Bunny webt auf seinem neuesten Album «DeBÍ TiRAR MáS FOToS», das Anfang 2025 erschien, puerto-ricanische Folkmusik und Salsa in seinen ohnehin schon sehr facettenreichen Sound ein.
Kontroverse um den Super Bowl
Auch feiert Bad Bunny auf «DeBÍ TiRAR MáS FOToS» weiter die spanische Sprache - was neben seinem politischen Engagement inzwischen zu einem Markenzeichen geworden ist. «Ich denke auf Spanisch, ich fühle auf Spanisch, ich esse auf Spanisch, ich singe auf Spanisch», sagte er 2023 der «Vanity Fair». Beim Super Bowl wird er ebenfalls ausschließlich Spanisch singen - um die Show hat sich längst ein Kulturkampf entsponnen.
Konservative Politiker und Trump-nahe Gruppen kritisieren die Wahl als «politisches Statement» und fordern eine «All-American»-Alternative. Bad Bunny hatte zuvor Kritik an Abschiebungen und Razzien geübt und angekündigt, aus Sorge vor ICE-Einsätzen im Rahmen seiner Welttournee vorerst keine Konzerte in den USA zu spielen.
Jennifer Lopez und Shakira als Vorreiterinnen
Bad Bunny stand beim Super Bowl schon 2020 auf der Bühne - gemeinsam mit zwei Vorreiterinnen für die weltweite Popularität von Latin Pop, Jennifer Lopez und Shakira. Wie im Nachhinein bekannt wurde, gab es hier Kritik: «Es war eine Beleidigung zu sagen, man bräuchte zwei Latinas für einen Job, den vorher ein Künstler gemacht hat», sagte J.Lo's Manager Benny Medina in der Netflix-Doku «Jennifer Lopez: Halbzeit».
Dass Bad Bunny nun alleine die Bühne betreten darf, kann als weiteres Zeichen gewertet werden, dass Musikfans um Latin Pop inzwischen nicht mehr herumkommen.