Alles nur (Springer-)Propaganda
Mit "Jakob der Lügner" von Frank Beyer wurde 1975 erstmals eine DDR-Produktion gezeigt. Prompt gewann der heutige Filmklassiker einen Silbernen Bären. Ein Jahr zuvor war bereits mit "Mit dir und ohne dich" eine sowjetische Komödie in Berlin außer Konkurrenz zu sehen gewesen. Aus heutiger Sicht (k)ein Skandal: Die Springer-Presse hetzte etwa gegen die vermeintliche Ostpropaganda.
Eine ähnliche Reaktion rief "Stammheim" (1986) hervor: Die dritte RAF-Generation trieb gerade ihr Unwesen, als auf der Berlinale Reinhard Hauffs Film im Wettbewerb antrat. Darin unter anderem zu sehen: Therese Affolter als Ulrike Meinhof und Ulrich Tukur als Andreas Baader. Das Berlinale-Gremium befand sich sprichwörtlich unter Beschuss: Springer-Presse und Co. sahen in dem Film linke Propaganda, es kam gar zu Morddrohungen gegen Jurymitglieder. Auf den Zoo-Palast wurde ein Buttersäure-Anschlag verübt. Und als der Film auch noch den Goldenen Bären gewann, machte Jurypräsidentin Gina Lollobrigida bei der Preisübergabe klar, dass sie mit der Wahl nicht einverstanden sei.
Skandalöse Auftritte der Hollywood-Stars
Robert Downey Jr. kam 1995 nach Berlin, um den Historienstreifen "Restoration - Zeit der Sinnlichkeit" vorzustellen. Eigentlich. Doch der damals unter Alkohol- und Drogeneinfluss gerne rüpelhaft auftretende New Yorker nutzte lieber die ihm gegebene Zeit, um Schauspiel- und Filmkollegen Hugh Grant in die Pfanne zu hauen: "Er ist am Boden. Ich bin spitze", brüstete er sich.
Leonardo DiCaprio wiederum sorgte 2000 für einen Teenie-Aufstand: Mit "The Beach" wollte sich der damalige Teenie-Schwarm freischwimmen vom damaligen "Titanic"-Hype. Doch das gelang ihm damals ganz und gar nicht: Wohl noch nie bildeten sich so viele Backfischtrauben rund um die roten Teppiche der Festspieltage. Und da eine Berliner Zeitung den jungen Mädchen auch noch 1.000 Mark versprach, sollten sie Leo abknutschen können, war DiCaprio eigentlich nur dabei zu sehen, wie er versuchte, die Verehrerinnen abzuschütteln und sich wegzuducken.
Dieser Auftritt beendete seine Karriere (vorerst): 2014 produzierte Shia LaBeouf einen Skandal auf dem Roten Teppich. Mit einer Tüte auf dem Kopf inklusive der Aufschrift "I am not famous anymore" lief er bei der Premiere des Lars-von-Trier-Films "Nymphomaniac" über den Roten Teppich. Als wäre der Film mit seinen expliziten Sexdarstellungen nicht schon Schocker genug, benahm sich LaBeouf auch am Tag zuvor daneben: Mit der einstigen Rücktrittsverkündung des französischen Ex-Fußballers Eric Cantona - "wenn die Möwen dem Fischkutter folgen, tun sie das, weil sie denken, dass Sardinen ins Meer geworfen würden" - auf den Lippen, sprengte der "Transformers"-Star die Pressekonferenz und verschwand zugleich wieder.
Nackte Haut blieb ein Aufreger-Thema
Auch ihr Ruf stand auf der Berlinale auf dem Spiel: 2004 wurde die Vergangenheit von Sibel Kekilli ausführlich diskutiert. Die Hauptdarstellerin von Fatih Akins Hauptwettbewerbs-Gewinner "Gegen die Wand" spielte zwischen 2001 und 2002 in mehreren Schmuddelfilmen mit, was die Boulevardpresse auf den Plan rief. Während der Berlinale 2004 gab es kaum ein anderes Thema, immer weitere Enthüllungen sollten die Darstellerin diskreditieren. Am Ende setzte sich die Kunst durch, Kekilli gilt als Ex-"Tatort"-Kommissarin und mit internationalen Auftritten wie in "Game of Thrones" inzwischen als etablierte Schauspielerin.
Ein Jahr später rief die "Bild" erneut einen Skandal aus. Der Grund: Dieter Kosslick hatte die chinesische Schauspielerin Bai Ling in die Jury berufen. Bekannt für ihre aufreizenden Auftritte, sorgte die damals 38-Jährige immer wieder für Aufsehen. Unter der Überschrift "Berlin-nackte" beobachtete die Presse genau, was auf dem Roten Teppich vor sich ging.
2006 schielten alle Augen auf den deutschen Beitrag "Der freie Wille", ein Vergewaltigungsdrama von Matthias Glasner mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Die Schlagzeilen waren abermals reißerisch, die "B.Z." wollte mit "Gewalt-Sex schockt die Berlinale" am Kiosk punkten. Vogel erhielt für seine Darstellung eines Triebtäters schließlich den Silbernen Bären.
Russlandkritik und Nahost-Konflikt erreichen die Berlinale
Doch auch die große Weltpolitik führte auf der Berlinale immer wieder zu Schlagzeilen. So zeigte sich schon vor 15 Jahren, dass bei Russlandkritik nicht zu spaßen ist: Ein Notebook, auf dem die Endfassung des Films "Der Fall Chodorkowski" um den namensgebenden, einst inhaftierten Kreml-Kritiker enthalten war, wurde kurz vor dessen Premiere in Berlin aus dem Büro von Regisseur Cyril Tuschi gestohlen. Nicht das erste Mal, dass das Putin-kritische Werk dem Filmemacher abhandenkam: Zuvor wurden Kopien während eines Hotelaufenthalts auf Bali entwendet. Tuschi konnte seinen mit Spannung erwarteten Film schließlich trotzdem zeigen. Wer hinter den Diebstählen steckte, liegt nach wie vor im Dunkeln.
2021 gab es unter Pandemie-Bedingungen nur eine virtuelle Light-Version der Berlinale, einen kleinen politischen Aufreger gab es trotzdem. Im Fokus: "The First 54 Years" von Regisseur Avi Mograbi. Unter anderem die "Welt" prangerte den Dokumentarfilm als vermeintlich Israel-feindliche Propaganda an. Einen großen öffentlichen Aufschrei gab es jedoch nicht in dieser Zeit, als die ganze Welt nur über Corona sprach.
Anders bei der Berlinale 2024: Der US-Filmemacher Ben Russell ging bei der Preisverleihung mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und sprach mit Blick auf das israelische Vorgehen im Nahost-Konflikt von "Genozid". Vom Publikum gab es dafür Applaus. Berlins Bürgermeister Kai Wegner verurteilte den Vorfall am nächsten Tag als "untragbare Relativierung".
Quelle: teleschau – der mediendienst