Mit «Mensch» wird er für viele endgültig zur Stimme der Nation. Das Album gehört mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Deutschlands: «Die Songs bilden so etwas wie eine kollektive Seelenlandschaft der Deutschen zu diesem Zeitpunkt ab - sie waren tiefgründig ohne kitschig zu sein», sagt Hornberger.
Musik als Treibstoff für einen nimmermüden Grönemeyer
Längst und immer noch füllt Grönemeyer große Hallen und Stadien. Wer ihn dort erlebt, weiß warum: Er verausgabt sich für sein Publikum, genießt sichtlich die Resonanz, wenn Tausende seine Lieder mitsingen. Grönemeyer liebt, was er tut - diese Energie überträgt sich.
Musikmachen ist für ihn eine Überlebensstrategie, wie er der dpa sagte: «Ich weiß, Musik hält mich am Leben. Das ist mein innerer Treibstoff.» Damit habe er immer seine melancholische Seite ausbalanciert. Gerade Live-Musik zu machen sei für ihn ein wichtiges «Gemeinschaftserlebnis», ohne dass er innerlich vereinsamen würde.
Von dieser Schaffensenergie profitiert sein Publikum nicht nur während seiner oft ausverkauften Tourneen. Die Experimentierfreude bringt immer wieder neue Facetten hervor: Er lernte schon dirigieren, lieferte Bühnenmusik, plant eine Oper zu schreiben. Auch mit 70, das betont er im dpa-Interview will er sich «eine gewisse tänzerische Leichtigkeit» bewahren. «Schade wäre, wenn man merkt, es stellt sich Stillstand ein, auch künstlerisch», sagt Grönemeyer.
Uneindeutigkeit macht Grönemeyers Poesie so anschlussfähig
Populäre Kultur funktioniere in der Breite immer dann besonders gut, wenn sie zwar zugänglich, aber doch möglichst bedeutungsoffen bleibe, erklärt Popmusik-Expertin Barbara Hornberger. Grönemeyer habe dieses Prinzip perfektioniert: «Er hat eine Art des Textens, die manchmal mehr andeutet, als dass sie ausformuliert», so die Musikwissenschaftlerin.
Grönemeyer erzähle in seinen Songs keine Geschichten, «er erschafft emotionale Stimmungsbilder, in denen sich Leute mit ihren Gefühlen und Erfahrungen wiederfinden können», schildert Hornberger.
Mal sind es unvollendete Sätze, mal ungewöhnliche Metaphern, mal kryptische Wortneuschöpfungen: «Gerade das Brüchige, Unspezifische, das nicht zu Ende Erzählte in Grönemeyers Texten, macht es möglich, dass so viele zur gleichen Zeit und über Generationen hinweg eine Verbindung mit den Songs herstellen können», sagt Hornberger.
Der Anti-Glamour-Faktor: Der Superstar, der Mensch bleibt
Nach den Worten der Musikwissenschaftlerin Hornberger verkörpert Grönemeyer den «Star von Nebenan»: Er sei kein überstrahlender Held, kein Schönling, sondern ein «Fleißarbeiter auf der Bühne», einer der sich für sein Publikum abrackert und dem es dabei ein bisschen egal zu sein scheint, wie er dabei aussieht. «Da ist auch immer noch dieser Bochum-Duft, den er ausstrahlt - so eine Arbeiterehre.»
Das funktioniere gerade hierzulande: «Die Deutschen mögen es nicht so gerne, wenn ihre Stars abheben. Wenn jemand zu glamourös daherkommt, ist das verdächtig. Das hat Grönemeyer sehr klug vermieden», sagt Hornberger. Vielleicht liege es ihm einfach auch nicht.
«Das Ruhrgebiet in mir verliert sich nicht», zitiert ihn sein Biograf Michael Lentz. Obwohl er Berlin, wo er seit 17 Jahren inzwischen wieder vollständig lebt, sein Zuhause nennt, bleibe das Ruhrgebiet seine Heimat, wie er selbst sagt. Hier wuchs er auf, hier begann seine Laufbahn - zunächst erfolgreicher als Schauspieler denn als Sänger.
Sein Durchbruch als Musiker mit dem Album «4630 Bochum» prägt sein Image als «einer von hier» bis heute: Die Menschen aus dem Ruhrgebiet, wie Grönemeyer sie in vielen Interviews beschwört, sind direkt im Ton, können über sich selbst lachen und müssen aufeinander bauen können, wie Bergleute es einst taten.