Razzia in Berliner Großbordell - Verbindung nach Würzburg

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Einsatzkräfte von Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Zoll durchsuchen das Großbordell "Artemis" in Berlin Foto: Paul Zinken, dpa
Einsatzkräfte von Polizei, Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und Zoll durchsuchen das Großbordell "Artemis" in Berlin Foto: Paul Zinken, dpa

900 Polizisten, Steuer- und Zollfahnder haben Berlins größtes Bordell wie in einer Filmszene durchsucht. Die Spuren führen auch nach Unterfranken.

Jäh wurde das Liebeswerben knapp bekleideter Damen am Mittwochabend im Großbordell Artemis in Berlin unterbrochen: Polizisten stürmten an Statuen der Jagdgöttin Artemis vorbei, in Büros und die Zimmer, in denen die käufliche Liebe angeboten wurde.


Menschenhandel und Steuerbetrug

Der dreistöckige Club in einem früheren Lagerhaus ist das größte Bordell Berlins. Laut Staatsanwaltschaft geht es um Menschenhandel. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte Ermittlungen wegen nicht gezahlter Sozialabgaben, Steuerbetrug und Scheinselbstständigkeit.

Sechs Haftbefehle gegen Verantwortliche - darunter die beiden Besitzer - wurden vollstreckt. Die Spuren führen auch nach Franken. "Auch in Würzburg gab es Besuch von der Polizei", sagt Rechtsanwalt Jan Paulsen, der mit seinem Kollegen Norman Jacob die Betreiber des Artemis vertritt. "Ja, hier gab es Maßnahmen", bestätigt Kathrin Thamm, Sprecherin des Polizeipräsidiums. In Würzburg wohnt Kenan S., der mit seinem in Berlin lebenden Bruder Haki 2005 das Artemis errichtete.


Immer wieder Schlagzeilen

Seit 2005 sorgt das Artemis für Schlagzeilen. 2012 gab es eine wilde Schießerei mit drei Verletzten - angeblich, weil ein Kunde lieber die Waffe zog als den Geldbeutel. Warum das Berliner Rotlichtmilieu duldet, dass zwei Würzburger in ihrem Gebiet "wildern", ist Gegenstand von Ermittlungen. Gegenüber der türkischen Zeitung "Hürriyet" charakterisierte Kenan S. das Artemis als "Familienbetrieb". Er und sein Bruder waren zuvor als Betreiber von Spielcasinos tätig.

Am Donnerstag zog der Berliner Staatsanwalt Andreas Behm den Vergleich mit dem Mafia-Gangster Al Capone. Auch der sei wegen Steuerhinterziehung angeklagt worden, als man ihn wegen anderer Delikte zunächst nicht fassen konnte.

Im Mittelpunkt stünden nicht Bagatelldelikte, sondern Taten, die das "System des illegalen Umfeldes" bestätigten. Die Frauen seien "in Abhängigkeit gehalten und ausgebeutet" worden. Der Betrieb basiere auf organisierter Kriminalität.

Die zwei Bordellbetreiber machten sich selbst nicht die Finger schmutzig. Vielmehr verwalteten sie die Kriminalität. Prostituierte hätte für Mitglieder der kriminellen Rocker-Gang Hells Angels gearbeitet. Eine Frau sei "so malträtiert" worden, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen habe, als sich an die Polizei zu wenden.
"Ich habe 40 Stellen geschaffen, ich habe Konzessionen für alles mögliche, ich zahle Steuern. Ich werde beweisen, dass man so einen Laden ohne Zuhälter führen kann", hatte Haki S. bei der Eröffnung 2005 gesagt. Im Artemis würden die Prostituierten - wie die Freier - 70 Euro Eintritt zahlen. Dafür könnten sie dort ihr Geld verdienen. Die Prostituierten würden offiziell als Selbstständige geführt, seien aber an feste Arbeitszeiten und Tarife gebunden, erklärte ein Polizeisprecher. Offenbar gab es Schichtpläne, Preisvorgaben, Kontrollen und Sanktionen. Die Summe nicht gezahlter Sozialbeiträge belaufe sich auf 17,5 Millionen Euro, sagt die Polizei.


17,5 Millionen Euro hinterzogen?

Simone Wiegratz, Leiterin der Berliner "Hydra"-Beratungsstelle für Prostituierte, sieht die Razzia mit gemischten Gefühlen. "Da wird sicher genug zu finden sein", sagt sie. Gerade deshalb fragt sie sich, warum das Artemis seit der Eröffnung 2005 weitgehend unbehelligt blieb. "Kleinere Bordelle sind immer mal wieder aufgemischt worden." Das Großbordell habe die "Hydra"-Beraterinnen nie hereingelassen, berichtet Wiegratz. Deshalb kennt sie die Zustände nur vom Hörensagen. Bisher habe Berlin eine Linie zwischen freundlichen Kontrollen und der Demonstration von Stärke gefahren. Zur Großrazzia sagt sie nun: "Für mich ist das Wahlkampf." Am 18. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Erst vor kurzem gab es eine Razzia bei Mitgliedern arabischer Clans.
mit dpa