Sie haben neue Nahrungsquellen gefunden und müssen nicht mehr so weit fliegen. Die einst aus dem Mittelmeerraum stammenden Störche breiten sich immer weiter aus. Sind sie überall willkommen?
An dem Mythos des Kinder bringenden Klapperstorchs gemessen, müsste Deutschland einen Babyboom erleben. Es gibt laut jüngster Bilanz vermutlich so viele Weißstörche wie noch nie. Zwar ist noch unklar, wie stark die Vogelgrippe die Population reduziert hat – Experten erwarten aber keinen Einbruch. Der Großvogel ist sehr anpassungsfähig. Seine langanhaltende Verehrung durch die Menschen und neue Nahrungsquellen etwa im Zuge der Landwirtschaft erleichtern dem Weißstorch das Leben.
Tonnenschweres Storchennest
Dabei sah es vor rund 35 Jahren schlecht aus. Petershagen an der Weser im nördlichen Zipfel Nordrhein-Westfalens auf der Luftlinie Osnabrück - Hannover war der letzte NRW-Zufluchtsort. «Das war um 1990, da hatten wir in ganz NRW noch drei Paar Störche. Und die waren alle hier», sagt der Vogelschützer und Autor Alfons Rolf Bense, der in dem Ort das Westfälische Storchenmuseum aufgebaut hat.
Seit wann bringt der Storch angeblich Kinder?
«Das ist nicht älter als etwa um 1700. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam der Pietismus auf, eine Wiederbelebung der strengen Frömmigkeit.» Da sei alles Fleischliche und insbesondere das Sexuelle verpönt gewesen, sagt Bense. «Mit dem Storch hat man nun eine Möglichkeit zu erklären, wie die Kinder gebracht werden» – jenseits von Sexualität.
Wie viele Störche gibt es in Deutschland?
Auf einen Abwärtstrend bis Ende der 1980er folgte ein kräftiger Anstieg: «In den letzten 10, 15 Jahren ist der Bestand vor allem Dingen in Westdeutschland sehr stark angestiegen, sodass wir heute deutschlandweit etwa 14.400 Paare haben», sagt Storchenexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut des Nabu in Schleswig-Holstein. Die Zahl für 2025 sei die höchste der Statistik ab 1934. Es könne höchstens sein, dass es um 1900 noch mehr Störche gab.
Thomsen spricht von einer «Zweiteilung» Deutschlands: In Westdeutschland ziehen die Störche meist Richtung Westen. Statt den langen kraftraubenden Flug bis nach Afrika zu absolvieren, überwinterten sehr viele schon nach einer Kurzstrecke in Frankreich, Spanien und Portugal. Entscheidend für den Storch seien ausreichende Nahrungsmengen, Wärme sei zweitrangig. Beispiel Spanien: Dort fänden Störche Futter auf Mülldeponien und Krebse in Reisfeldern.
«In Ostdeutschland brüten vor allen Dingen ostziehende Weißstörche, die bis ins ostafrikanische Sahel und weiter bis nach Südafrika ziehen», erläutert Thomsen. Deren Zahl sei nicht gewachsen. Weil es etwa in Nordrhein-Westfalen so viele Störche wie noch nie gebe, bereiteten sich westziehende Störche Richtung Osten nach Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt aus. In Schleswig-Holstein seien es mittlerweile etwa gleich viele Ost- und Westzieher.
Gruppendynamik bei der Zugrichtung
«Es ist auch so, dass der Zugweg, den die Störche nehmen, nicht oder nur bedingt angeboren ist», erklärt Biologe Thomsen. Die Jungvögel zögen zwei Wochen vor ihren Eltern ab und träfen dann auf Störche, die schon mal gezogen sind. «Und diese Störche ziehen die Jungvögel dann mit auf die eigentliche Zugroute, also nach Südwesten oder nach Südosten.»