Potenzielle Effekte machen die Experten auch bei ADHS und Autismusspektrum-Störungen aus: Es gebe Anhaltspunkte, dass längeres ausschließliches Stillen im Vergleich zu einer kürzeren Stilldauer und/oder einer geringeren Stillintensität beziehungsweise Nicht-Stillen mit einem geringeren Risiko für ADHS und Autismus einhergeht.
Damit ist kein ursächlicher Zusammenhang belegt. Grund können ganz andere Faktoren sein, in denen sich das Umfeld nicht oder wenig stillender Mütter von dem länger stillender Frauen im Mittel merklich unterscheidet.
Positive Effekte gibt es zudem wohl auch auf die mütterliche Gesundheit, etwa, was die Gewichtsreduktion nach der Schwangerschaft und die Risiken für Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 angeht.
Wie ist die Empfehlung einzuordnen?
Es handelt sich um eine sogenannte S3-Leitlinie – die erste zur Stilldauer in Deutschland überhaupt. Sie basiert auf der Klassifikation der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Eine S3-Leitlinie ist die höchste Stufe wissenschaftlich basierter, medizinischer Leitlinien hierzulande. Die Leitlinie soll eine einheitliche Stillberatung und Stillförderung durch die verschiedenen Berufsgruppen wie Hebammen und Frauenärzte ermöglichen.
Die Empfehlungen gelten für reifgeborene und ausschließlich gesunde Kinder, da Studien, die Kinder mit bereits vorhandenen akuten oder chronischen Erkrankungen einschlossen, in der Leitlinie nicht berücksichtigt wurden. «Im Fall von vorliegenden Erkrankungen sollte daher individuell beraten werden.»
Erhöht die Leitlinie den Druck auf Frauen, stillen zu müssen?
«Leitlinien sind letztendlich Leitplanken, die das Handlungsspektrum darstellen sollen», sagte Michael Abou-Dakn vom St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof, ein Autor der Leitlinie. Sie böten Hilfe für die Beratung – seien aber keineswegs verpflichtend. Die Frau habe immer die Wahl, frei zu entscheiden.
Die Empfehlung lasse Handlungsspielraum für Abweichungen, wenn die Situation der Mütter und Säuglinge dies erfordere, heißt es in der Leitlinie. Generell sei eine sensible Beratung essenziell, um Schuldgefühle bei Müttern zu vermeiden. Frauen, die kürzer oder länger stillen als empfohlen, dürften nicht stigmatisiert werden. «Sie dürfen nicht unter Druck gesetzt werden, weder zum Stillen noch zum Abstillen, noch dazu, vorzeitig Beikost zu geben.»
Wie viel wird in Deutschland gestillt?
Nach Ergebnissen der bundesweiten «Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland» (KiGGS Welle 2; 2014-2017) wurden nach der Geburt 68 Prozent der Säuglinge ausschließlich gestillt. Im Verlauf war eine deutliche Abnahme zu beobachten: Etwas mehr als die Hälfte (57 Prozent) wurden bis zum vollendeten zweiten Monat ausschließlich gestillt, 40 Prozent bis zum Ende des vierten und 13 Prozent bis zum Ende des sechsten Lebensmonats.
Aktuellere Daten aus dem Qualitätssicherungsverfahren Perinatalmedizin (QS PM) zeigten für das Jahr 2023, dass 69 Prozent der Kinder bei Entlassung/Verlegung ausschließlich mit Frauenmilch, 17 Prozent teilweise mit Frauenmilch und 6 Prozent ausschließlich mit industriell hergestellten Milchersatzprodukten ernährt wurden.
Studiendaten weisen darauf hin, dass das Stillverhalten unter anderem vom Bildungsstatus der Mutter beeinflusst wird: 69 Prozent der Mütter
mit einem niedrigen Bildungsstatus gegenüber 95 Prozent der Mütter mit hohem Bildungsstand stillten ihr Kind demnach zeitweise. Mütter mit hohem Bildungsstatus stillten ihre Kinder zudem auch länger.