«Was wir anfangs an Grünalgen herumgeforscht haben, das hat keinen Menschen interessiert, das hat kaum jemand ernst genommen», erzählte Hegemann nach der Bekanntgabe dem «Tagesspiegel».
Deisseroth griff die Idee auf und setzte das Gen für das Protein zunächst in Neuronen von Ratten ein. Daraufhin konnte er diese Nervenzellen mit Licht aktivieren. Im Jahr 2007 - damals hatte sich der Begriff Optogenetik schon eingebürgert - gelang ihm dies im Gehirn von lebenden Mäusen.
Deisseroth gelang es so, das Verhalten und die Emotionen von Mäusen zu steuern. So konnte er die Tiere - nur über die Aktivierung von Neuronen per Licht - etwa aufwachen lassen oder durch Anregen spezieller Erinnerungen Angst erzeugen. Mit der Methode habe ein Forscherteam eine Gruppe von Zellen ausfindig gemacht, die bei optogenetischer Stimulierung dafür sorgen, dass Mäuse unvermittelt Artgenossen attackieren, erzählte Deisseroth dem «Spiegel». «Das Signal einiger weniger Nervenzellen reicht aus, und ein eben noch völlig friedliches Tier fällt voller Wut über das andere her.»
Therapie für die Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa
Medizinisch nutzen lässt sich das Verfahren bei Retinitis pigmentosa. Bei der Netzhauterkrankung gehen durch verschiedene Erbgut-Mutationen die Lichtrezeptoren der Netzhaut - der Retina - zugrunde. Mit Hilfe einer optogenetischen Therapie ermöglichten Forscher vor einigen Jahren einem Patienten, der durch die Netzhauterkrankung seit Jahrzehnten blind war, ein rudimentäres Sehen.
In der Studie - einem Machbarkeitsnachweis - injizierte das Team in das schwerer betroffene Auge des damals 58-Jährigen einmalig Viren, die den Bauplan für das Kanalrhodopsin ChrimsonR enthielten. Mit dem entstehenden Ionenkanal konnten bestimmte Zellen der unteren Netzhaut aus einfallendem Licht elektrische Signale erzeugen, die sie an das Sehzentrum im Gehirn weiterleiteten. Nach der Therapie konnte der Patient mit einer Spezialbrille im Labor Gegenstände erkennen und greifen. Im Alltag registrierte er etwa ein Telefon, eine Tür oder einen Zebrastreifen.
Verbesserung von Cochlea-Implantaten
Zudem wird die Technik zur Verbesserung von Cochlea-Implantaten erforscht. Dabei wird der Hörnerv derzeit über elektrische Impulse stimuliert. Diese Stimulierung lasse sich durch Optogenetik deutlich präzisieren, so das Nobelkomitee.
«Wir hoffen, dass wir quasi noch in dieser Dekade oder eben Anfang der nächsten Dekade mit klinischen Studien starten können», sagte Tobias Moser vom Institut für Auditorische Neurowissenschaften der Universitätsmedizin Göttingen. Dass die Kombination von Gentherapie und Cochlea-Implantat prinzipiell funktioniert, hätten Versuche an Nagertieren und Primaten bereits gezeigt.
Zudem werde Optogenetik in Laboren weltweit genutzt, um Krankheiten wie Depression, Angststörungen und Parkinson zu erforschen, teilte die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina mit.
Erste Preisträger war auch ein Deutscher
Vor 125 Jahren war der erste Medizin-Nobelpreisträger ebenfalls ein Deutscher, Emil von Behring. Zuletzt war im Jahr 2013 ein Medizin-Nobelpreis an einen deutschen Forscher gegangen: Thomas Südhof. 1995 hatte als erste und bislang einzige deutsche Frau die Tübinger Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard den Preis erhalten.
Mit dem Medizin-Preis startete der Nobelpreis-Reigen. Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Preises benannt. Es folgen die für Literatur und für Frieden. Die Reihe der Bekanntgaben endet am kommenden Montag mit dem von der schwedischen Zentralbank gestifteten sogenannten Wirtschaftsnobelpreis.
Die feierliche Übergabe aller Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896).