Die EU-Kommission will Genehmigungen für Pflanzenschutzmittel lockern. Die Pläne gefährdeten die Gesundheit von Menschen, kritisiert die Leopoldina.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina wendet sich gegen die von der EU-Kommission geplanten Lockerungen für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Die Neuregelung schwäche den Schutz von Mensch und Umwelt, schreibt die Leopoldina in einer Stellungnahme. Die Bundesregierung wird darin aufgefordert, sich auf EU-Ebene für die derzeit bestehende Regelung einzusetzen.
Die von der Kommission geplanten Änderungen sehen unter anderem vor, bei Pflanzenschutzmitteln - dazu zählen Insektizide, Fungizide und Herbizide wie Glyphosat - die bisher geltenden Zulassungsfristen zu lockern. Wirkstoffe würden künftig unbegrenzt genehmigt. Derzeit gelten Genehmigungen nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) für 7 bis 15 Jahre und müssen danach erneuert werden - unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse. Mit der Neuregelung will die Kommission nach eigenen Angaben Behörden entlasten, die Verfahren vereinfachen und beschleunigen und die europäische Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Gruppen wie Kinder, Schwangere und chronisch Kranke vernachlässigt
«Es ist fraglich, ob das bisherige Schutzniveau durch die geplante unbefristete Wirkstoffgenehmigung tatsächlich gewahrt werden kann», kritisiert die Leopoldina. Seit 2009 hätten mindestens 165 vormals zugelassene Wirkstoffe ihre Zulassung verloren - zum Teil wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und strengerer Bewertungsmaßstäbe.
«Dies verdeutlicht, dass befristete Zulassungen und regelmäßige Neubewertungen ein wesentliches Element eines lernfähigen Regulierungssystems sind, das neue Daten, veränderte Belastungssituationen mit Pflanzenschutzmitteln im Vergleich zu Modellvorhersagen sowie fortentwickelte Bewertungsmethoden berücksichtigt», erläutert die Leopoldina. Das alles würde künftig entfallen.
Damit würden neue Erkenntnisse zu Auswirkungen auf den Menschen vernachlässigt, bemängelt die Leopoldina und verweist insbesondere auf besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Schwangere oder chronisch Erkrankte. «Auch würden neue Befunde zu Umweltverhalten und -effekten nicht mehr systematisch in die Bewertung einfließen», schreibt die Akademie und bilanziert: «Insgesamt vernachlässigt der Vorschlag, dass wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zur Nichtzielwirkung häufig erst nach der Zulassung entstehen.»
«Bereits heute Defizite beim Schutz von Mensch und Umwelt»
Zudem kritisiert die Leopoldina den Plan, dass Pestizid-Produkte, deren Zulassung endet, künftig für 3 Jahre verkauft und aufgebraucht werden dürfen - bisher waren es 1,5 Jahre. Diese Idee sei problematisch mit Blick auf Gesundheits- und Umweltrisiken. «Sie verlängert vermeidbare Expositionen gegenüber Stoffen, deren Risiken bereits als inakzeptabel eingestuft wurden», begründet die Leopoldina ihre Einschätzung.
«Die aktuelle Pflanzenschutzmittelzulassung weist bereits heute Defizite beim Schutz von Mensch und Umwelt auf», heißt es weiter. Dazu gehörten unter anderem die unzureichende Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Pflanzenschutzmitteln, die nach der Ausbringung entstehen, sowie zusätzlicher Stressoren, etwa durch klimatische Bedingungen.