Was erleben Eltern mit Übergewicht und wie gehen sie damit um? Damit beschäftigt sich Judith Pape-Greif in ihrer Forschung. Jolyn Muijsers berichtet über das Leben mit zwei Kindern und 140 Kilo.
Da war die Szene in der Achterbahn, als der Bügel nicht zuging, und sie mit dem protestierenden Kind wieder aussteigen musste. Da waren die Strandtage, die ausfielen, weil sie sich nicht im Badeanzug zeigen wollte. Aber da waren auch die Pausenbrote und Geburtstagskuchen, die nirgendwo gesünder waren als bei Familie Muijsers.
«Ich hatte immer den Druck, eine besonders gute Mutter zu sein, weil man mir Muttersein nicht zutraut», sagt Jolyn Muijsers. In ihren schwersten Zeiten wog die 44-jährige Flensburgerin 140 Kilogramm. Wenn ein Kind im Bus quengelte, spürte sie genau, was die Fahrgäste denken: «Ich habe keine Kontrolle über mein Gewicht, also habe ich auch keine Kontrolle über meine Kinder.»
«Gewichtsstigmatisierung»
Die Frankfurter Wissenschaftlerin Judith Pape-Greif von der Frankfurt University of Applied Sciences (Fra UAS) forscht zu Eltern mit hohem Körpergewicht. Wie erleben sie das, was Pape-Greif «Gewichtsstigmatisierung» nennt und wie gehen sie damit um? Sechs Mütter und vier Väter hat Pape-Greif für ihre Dissertation im Fachbereich Soziale Arbeit interviewt. Jolyn Muijsers war eine von ihnen.
Sie wurde in den Niederlanden geboren, hat Psychologie und Pädagogik studiert und arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte einer Hochschule. Ihre Söhne sind heute 15 und 17 Jahre alt und - wie ihr Mann, mit dem sie seit der Schulzeit zusammen ist - groß und schlank. Auch ihre Eltern waren normalgewichtig. Dass sie früh stark zunahm, führt sie auf ein traumatisches Erlebnis als junges Mädchen zurück. «Dünnsein ist keine Leistung, Dicksein kein Versagen», sagt die 44-Jährige, die phasenweise nur 85 Kilogramm wog.
Mit dicken Eltern sprechen statt über sie
Pape-Greif näherte sich ihrem Thema mit einer Methode, die in der Wissenschaft eher ungewöhnlich ist: Sie ließ die Menschen einfach erzählen. «Es wird viel über dicke Eltern gesprochen und geschrieben - ich wollte mit ihnen sprechen und nicht über sie», sagte die 35-Jährige, die nach Abschluss ihrer Dissertation in Elternzeit ging. Nächstes Jahr will sie ihre Arbeit als Buch veröffentlichen.
Nach den Interviews suchte Pape-Greif nach Gemeinsamkeiten in den Erzählungen. Sie entdeckte «ein breites Spektrum an Erfahrungen», aber auch «viele gemeinsame Erfahrungen von Ausgrenzung».
«Eltern mit hohem Körpergewicht stehen unter besonderer Beobachtung», fasst sie zusammen. «Ihre Erziehungs- und Fürsorgekompetenzen werden aufgrund ihres Körpergewichts oft infrage gestellt.» Dadurch laste auf diesen Eltern ein besonderer Druck, gesellschaftliche und moralische Standards guter Elternschaft zu erfüllen.