Ebenso kann es in bestimmten Situationen für mehr Sicherheit sorgen - oder zumindest das Sicherheitsgefühl erhöhen. Zum Beispiel auf einer schwierigen Bergtour, wenn man nachts alleine von einer Party nach Hause geht oder sich zum ersten Mal mit einer Online-Bekanntschaft trifft.
Vertraute Personen könnten dann schnell handeln, wenn man sich nicht wie gewöhnlich verhalte oder in Schwierigkeiten gerate, schreibt die polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes auf einer Ratgeberseite im Internet für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum.
Sprecherin Martina Plackmann weist aber auch darauf hin: «Man ist leider nicht sicher durch das Teilen des Standortes, es ist tatsächlich eher die gefühlte Sicherheit, die dadurch steigen kann.»
Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Universität Erlangen, befürchtet, dass man sich dadurch in bestimmten Situationen sogar in falscher Sicherheit wiegen könnte. «Da wäre ein Selbstverteidigungskurs, Pfefferspray oder auch die Begleitung einer Freundin oder einer anderen Person durchaus sinnvoller, weil die Technik das tatsächlich nicht lösen kann.»
3. Die Nachteile
Den Standort mit anderen zu teilen, suggeriert zwar Nähe. Es könne aber auch dazu führen, dass wir uns noch einsamer fühlen, sagt Schicha. Nach einer langen Autofahrt braucht man nicht mehr zu telefonieren oder eine Nachricht zu tippen, damit die Liebsten wissen, dass man gut angekommen ist. Es reicht, wenn diese den Live-Standort verfolgen. Was dabei aber auch wegfällt: ein nettes Wort am Rande.
Denkbar ist auch, dass der Live-Standort zu Missverständnissen, Misstrauen und Rechtfertigungsdruck führt. Zwei Szenarien: Zwei Freundinnen gehen ins Kino, die dritte sieht es über den Live-Standort und fühlt sich ausgeschlossen. Oder eine Frau wünscht sich etwas Bestimmtes zum Geburtstag. Über den Live-Standort sieht sie, dass ihr Mann in besagtes Geschäft geht. Überraschung dahin.
«Wenn alle mit der Situation einverstanden sind und sich damit wohlfühlen, dann spricht überhaupt nichts dagegen, den Standort zu teilen», sagt Schicha. «Die Frage ist nur: Was passiert, wenn Menschen sagen, dass sie das nicht wollen?» Sind also die anderen misstrauisch oder beleidigt, wenn eine Person ihren Standort nicht mehr teilen will? Und was ist mit dem Recht auf Privat- und Intimsphäre?
4. Was Fachleute noch kritisch sehen
Private Überwachung könnte laut dem Experten Markus Reuter von Netzpolitik.org der staatlichen Überwachung in die Hände spielen. «Mein neues Auto weiß, wo ich bin und wie ich angeschnallt bin. Das Handy funkt fortlaufend meinen Standort weiter und zwar auf 30 verschiedene Apps, die die Daten weiterverkaufen. Mit Gesichtserkennung kann ich auch noch identifiziert werden, wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege.»
Die staatliche Überwachung brauche natürlich einen juristischen Anlass, sagt Reuter. Aber auf alles, das ich privat überwachen lasse, könne die staatliche Überwachung im Zweifelsfall zugreifen. «Das heißt, ich schaffe Optionen, die die staatliche Überwachung nutzen kann, ohne selbst Infrastrukturen aufzubauen.»
5. Das gibt es beim Datenschutz zu beachten
Aus den Standort-Daten von Personen kann man nach Angaben von Professor Stefan Katzenbeisser von der Universität Passau viel herauslesen: wo man sich aufgehalten hat, wohin man dann gegangen ist, mit wem man sich eventuell getroffen hat. Alles Daten, die auch für Werbezwecke interessant sein können. Dass die großen Anbieter Apple und Google diese Daten weitergeben, hält der Experte jedoch nicht für wahrscheinlich. «Das würde einen Riesenskandal verursachen. Bei kleinen Apps sieht das vielleicht wieder anders aus.»
Problematischer können Reuter zufolge unter Umständen Smartwatches sein, die Eltern gerne nutzen, um ihre Kinder zu tracken. Da hänge der Datenschutz sehr stark vom Hersteller ab, sagt er. «Es gab schon Fälle, in denen Standortdaten von Kindern frei im Netz abrufbar waren.» Wenn Menschen Überwachungsuhren unbedingt kaufen wollten, sollten sie auf namhafte Hersteller statt Billigprodukte setzen, rät er.
6. Folgen für unseren Alltag
Überwachung könnte zur Normalität werden, befürchtet Reuter. «Wir verlernen, was es eigentlich heißt, frei und unbeobachtet zu sein.» Wenn man überwacht werde, sehe man sich unbewusst auch durch die Augen der anderen und überlege, was diese über einen denken, weil man sich an einem bestimmten Ort aufhält. «Das wirkt wie eine Schere im Kopf. Wir fangen an, unsere eigene Freiheit zu beschränken.»
Und vielleicht macht es uns in manchen Fällen sogar ängstlicher? Darauf weist zumindest die Studie aus den USA hin. Zwar gaben fast alle Eltern an, dass sie sich dank des Trackings weniger Sorgen machten. Aber knapp ein Viertel sagte auch, dass es sie manchmal eher beunruhige, statt ihnen ein sicheres Gefühl zu geben.