Oft seien es jedoch toxische Erzählungen, die mit einem defizitären Blick arbeiteten: Du bist nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug.
Mit 11 Jahren beim Fußball aufgehört – wegen TikTok
Im Schnitt verbringen Jugendliche laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher.
Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der Manosphere anzeigen, wie qualitative Analysen nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Diese knüpften gezielt an Gefühle wie Einsamkeit oder Frustration an.
Elias hat mit 11 Jahren aufgehört Fußball zu spielen, weil Männer auf TikTok sagten, das sei schwul, wie er erzählt. Wer stark sein und sich verteidigen wolle, müsse Kampfsport machen. Inzwischen geht er boxen. «Ich finde es auch bisschen schwer, rauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche wegen TikTok und auch so in der Realität.»
Sein Mitschüler Levin stand in der siebten Klasse mal um 5.30 Uhr auf, um joggen zu gehen. «Nur weil ich das davor gesehen habe und mir dachte, ja, ich muss das jetzt auch machen und dann bin ich auch krass und gehöre dazu», sagt der 17-Jährige. «Es gibt viele Videos, die dein Denken verändern.» Beide investieren viel Zeit in ihr Aussehen, so erzählen sie es. «Aussehen ist ein sehr großer Punkt, ich bin ehrlich», sagte Levin, dessen Name ebenfalls geändert wurde. Man versuche, das Maximum aus sich herauszuholen.
Workshop hat Elias' Sicht auf Beziehungen verändert
Wichtig sei es, die Jugendlichen nicht zu verurteilen, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sagt Schneider. «Wir bewerten das nicht, wir sagen nicht, es ist schlecht, pumpen zu gehen, auf gar keinen Fall», so der 33-Jährige. «Wir wünschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein über sich selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrer geschlechtlichen Identität beziehungsweise den Erwartungen an ihr Geschlecht zu entwickeln.»
Die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain ist eine von insgesamt drei Schulen, an denen Schneider und seine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig Klassen begleiten. Auch Elias und Levin haben seinen Workshop ein halbes Jahr lang besucht. «Bei mir hat das bisschen meine Sichtweise auf eine Beziehung verändert, weil davor habe ich immer so gedacht, sie darf keine Jungsfreunde haben und sie darf dies und das nicht, und nach diesem Workshop ist mir das eigentlich egal», sagt Elias. TikTok sei für ihn nach wie vor Unterhaltung, aber er denke beim Schauen jetzt häufiger über den Workshop nach.
«Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch»
Levin hat gelernt, bestimmte Dinge häufiger zu hinterfragen, wie er erzählt. Ihm sei zum Beispiel klar geworden, dass er nicht jede Situation kontrollieren könne und müsse. Auf TikTok hätten ihm Männer erklärt, dass es wichtig sei, eine Präsenz zu haben, allen im Raum klarzumachen, der Krasseste zu sein, immer stark zu sein, egal wo man sei. Das sei Quatsch, wie er jetzt wisse.
Auch Männer, die weinen, sollten seiner Ansicht nach kein Tabu sein. «Weil manche Personen denken vielleicht, du hast kein Gefühl oder so, oder bist kalt, was ja nicht stimmt.» Mit seinen weiblichen Freundinnen verstehe er sich jetzt besser. Er sehe sie mit anderen Augen. Würde er den Workshop weiterempfehlen? Levin ist überzeugt: «Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch.»