Hinzu kommt: Das natürliche Reservoir der Andesviren, die Reisratte Oligoryzomys longicaudatus, sei in Europa nicht vorhanden. «Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass das Virus in die Nagetierpopulation eingeschleppt wird und es in Europa zu einer Übertragung von Nagetieren auf Menschen kommt», sagte ECDC-Experte Thomas Hofmann.
«Die Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung dürfte das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar machen», sagte Mikrobiologe Roman Wölfel von der Universität der Bundeswehr in München. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums befindet sich an Bord des Schiffs eine mittlere einstellige Zahl von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit.
Was ist zu tun?
Um mögliche Übertragungen von Mensch zu Mensch zu vermeiden, empfiehlt die EU-Gesundheitsbehörde Kontroll- und Vorbeugungsmaßnahmen: Menschen mit möglichen Symptomen sollten sich Blut- oder PCR-Tests unterziehen. «Negative Testergebnisse können aber eine Infektion und anschließende Virusausscheidung nicht ausschließen», sagte ECDC-Experte Hofmann.
Auch der reine Blick auf die Inkubationszeit reiche nicht aus: Diese beträgt laut ECDC in der Regel zwei Wochen, könne aber zwischen sieben Tagen und sechs Wochen schwanken. Deshalb gelte es auch nach Wochen noch, wachsam zu bleiben, so Hofmann - und sich nicht an einem reinen Zeitraum zu orientieren, sondern etwa auch an Symptomen und Testergebnissen.
Das RKI schreibt in einer Handreichung für deutsche Gesundheitsbehörden, die Passagiere sollten für sechs Wochen nach einer letzten möglichen Exposition in Quarantäne bleiben. In der Unterkunft sollten sie mindestens einen eigenen Raum haben und ein eigenes Bad nutzen. Sie sollten auf Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen sowie andere Symptome achten und in diesem Fall ihr Gesundheitsamt informieren.
Wie groß ist das Risiko, dass sich weitere Menschen auf dem Schiff infiziert haben?
Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García sagte am Samstag, derzeit zeige niemand auf der «Hondius» Symptome. Es sei dennoch durchaus möglich, dass sich weitere Menschen auf dem Schiff infiziert haben, sagte Schmidt-Chanasit. «Hantavirus-Erkrankungen haben eine Inkubationszeit, die je nach Virus und Exposition mehrere Tage bis Wochen betragen kann. Deshalb können weitere Fälle auch zeitverzögert auftreten.»
Der Virologe sieht zwei Szenarien der Infektionsquelle: Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. Zweitens sei auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – «etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben».
«Dies ist eine ernste Lage, aber die WHO betrachtet das Risiko für die öffentliche Gesundheit als gering», sagte auch WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. «Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie», betonte die amtierende Nothilfekoordinatorin, Maria van Kerkhove. Ein Vergleich mit dem Start der Corona-Pandemie vor sechs Jahren sei nicht angebracht.