Seit Monaten analysiert eine Kommission für Familienministerin Prien, wie Teenager vor Risiken im «digitalen Raum» zu schützen sind. Ihr bisheriges Resümee: Einfache Lösungen gibt es nicht.
Stundenlanges Chatten, Zocken und Scrollen: Vielen Eltern macht die Internetnutzung ihrer Kinder Sorge. Damit liegen sie nicht falsch, wie die Expertenkommission beim Bundesfamilienministerium jetzt in ersten Zwischenergebnissen bestätigt. Doch machen die Fachleute wenig Hoffnung auf einfache Lösungen, etwa in Form von Social-Media-Verboten für Kinder und Teenager. «Es ist zu kurz gesprungen, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken», sagt der Kommissionsvorsitzende Olaf Köller.
Familienministerin Karin Prien (CDU) hatte die Kommission «Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt» im September eingesetzt. Sie soll eine wissenschaftliche Grundlage liefern für mögliche neue gesetzliche Regeln. Die Debatte gewann Fahrt, als Australien Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren erließ. Auch Prien hat nach eigenen Worten eine «gewisse Präferenz für eine Altersregulierung». Empfehlungen gibt die Kommission erst Ende Juni ab. Aber sie lieferte jetzt im ersten Schritt eine «Bestandsaufnahme». Fünf Erkenntnisse aus den Zwischenergebnissen:
1. Das Problem ist real
Der Erziehungswissenschaftler Köller erinnerte daran, dass etwa eine Million Jugendliche digitale Medien auf problematische Weise nutzten, 300.000 zeigten Suchtverhalten. Hinzu kämen Risiken wie Cybermobbing, Hassrede, Pornografie und vieles mehr. Die Folgen können Verstörung, Angst, Schlafstörungen und andere psychische Belastungen sein, wie es im Zwischenbericht heißt.
Wie gefährdet einzelne Kinder und Jugendliche sind, hängt demnach auch von ihrer eigenen Lage ab - ihrer «Vulnerabilität». «Frühe Kindheit, psychische Störungen, Traumaerfahrungen und soziodemografische Faktoren beeinflussen, wie digitale Medien wirken», heißt es. Die unterschiedliche Empfänglichkeit für Risiken gehöre zu den Dingen, die sie am meisten überrascht hätten, sagt die Co-Vorsitzende der Kommission, Nadine Schön.
2. Auch Erwachsene sind das Problem
Die zweite wichtige Erkenntnis aus Schöns Sicht: das Verhalten der Erwachsenen. Dabei geht es zum einen darum, ob Kleinkindern selbst schon - womöglich unbeaufsichtigt - vor Bildschirmen sitzen. «Passive Bildschirmzeit kann deren Sprachentwicklung beeinträchtigen», heißt es in der Bestandsaufnahme. Reizintensive Inhalte könnten Ablenkbarkeit begünstigen. Zum anderen geht es um die Ablenkung der Eltern durchs eigene Handy. Fachleute benutzen den Begriff «Technoference» - die Technik kommt in die Quere, wenn eigentlich volle Aufmerksamkeit dem Kind gehören sollte.
3. Es ist nicht alles nur Problem
«Das Smartphone fungiert als zentraler Zugang zu Kommunikation, Unterhaltung, Information, sozialer Einbindung und zunehmend auch zu produktiven KI-basierten Anwendungen», schreiben die Expertinnen und Experten. Es gebe eben auch große Chancen, sagt Köller. Social Media seien wichtige digitale Räume, zum Beispiel für queere Jugendliche. Die digitalen Medien könnten zu einer positiven Entwicklung der Identität beitragen.
Kinder und Jugendliche haben aus Sicht des Wissenschaftlers selbst einen hohen «Reflexionsgrad», sie wissen um Chancen und Risiken. Sie möchten sich das Medium nicht einfach entziehen lassen. Köller betont, dass «Schutz und Teilhabe keine Gegensätze sind, sondern dass es um geschützte Teilhabe geht im Netz».