Dort übernimmt ein Ärzteteam die Erstversorgung. Auch Ian Ferguson, ein auf die Behandlung schwerer Traumata spezialisierter Arzt, der zufällig am Strand ist, kümmert sich. Er fordert einen Hubschrauber an, der Bluttransfusionen bringt. Als er keine Venen findet, bohrt er einen Zugang direkt ins Knochenmark. «Deshalb habe ich überlebt», sagt Leah.
Zwölf Operationen und elf Tage im Koma folgen. Da hat der Weg der Heilung gerade erst begonnen. Dass ihre Geschichte in der Zwischenzeit weltweit Schlagzeilen gemacht hat, erfährt sie von ihrem Mann. «Ich war einfach nur eine Frau, die schwimmen gegangen ist. Und elf Tage später wusste jeder, was mir passiert ist.»
Langer Weg zurück ins Leben
Leah ist ein positiver Mensch, die Genesung aber verlangt ihr alles ab. «Ich war von meiner Tochter getrennt, hatte ständig Schmerzen und dachte, ich würde vielleicht nie wieder laufen können. So dankbar ich war, überlebt zu haben – ich trauerte um das Leben, das ich einmal hatte.»
Anfangs kann sie sich weder selbst die Haare bürsten noch essen. «Ich war am Boden zerstört, weil ich nicht einmal die einfachsten Dinge für meine Tochter tun konnte.» Seit Kurzem kann sie die kleine August nun wieder selbst anziehen.
Sich an ihr verändertes Spiegelbild zu gewöhnen, ist jedoch ein langer Prozess. Und eine ewige Erinnerung an ihren Überlebenskampf. Da der linke Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert werden musste, ist sie auf die rechte Hand angewiesen. Aber auch die ist schwer verletzt und kaum beweglich.
Bis zu 16 Stunden täglich muss sie ihre Finger mit Hilfsmitteln strecken und beugen, auch nachts. Ihre Wunde am Bein muss immer wieder neu verbunden werden.
Hinzu kommt eine regelmäßige Therapie. Die Erinnerungen aber bleiben. «Darüber zu sprechen, ist befreiend», sagt sie. Viele Haiangriffsopfer erinnerten sich kaum an das Geschehen, weil ihr Gehirn sie vor dem Trauma schütze - bei ihr sei das anders. «Ich bin stolz darauf, dass ich mich gegen den Hai gewehrt und überlebt habe.» Ihren Genesungsprozess macht sie auf Instagram öffentlich - Zehntausende folgen ihr dort.
Warum greifen Haie an?
Was Leah passiert ist, sei sehr selten, sagt der Meeresbiologe Robert Harcourt von der Macquarie University. «Weiße Haie sind visuell orientierte Jäger. Das klare Wasser hat günstige Bedingungen für einen Beuteangriff geschaffen.» Forscher vermuten, dass Haie Menschen mit Robben verwechseln oder sie aus Neugier erkunden. Leah sei schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
Tatsächlich nehmen Haiangriffe in Australien zu. Laut Harcourt liegt das vor allem daran, dass sich mehr Menschen im Wasser aufhalten. Wärmere Gewässer führten zudem dazu, dass Strände auch in kühleren Regionen mehr genutzt würden. Das Risiko bleibt im Vergleich zu anderen Gefahren dennoch gering: 2024 und 2025 ertranken in Australien 357 Menschen - sechs kamen durch Haiangriffe ums Leben.
Leah hat sich inzwischen wieder vorsichtig ans Wasser gewagt. Bis sie erneut ins Meer hinausschwimmt, dürfte es allerdings noch dauern. Was ihr widerfahren sei, habe in ihr aber auch eine ungeahnte Kraft freigesetzt, sagt sie: «Ich habe einen Haiangriff überlebt. Ich habe vor gar nichts mehr Angst.»