Ihr Mandant habe damals unter ständiger Geldnot gelitten und sich «in der Stricher-Szene prostituiert». Die Anwältin räumt ein, dass er einer der Freier des Professors gewesen sein könnte. An dessen Leiche sei aber DNA von vier verschiedenen Männern entdeckt worden.
«Ausschweifendes Sexualleben»
Die Mordkommission habe damals das Ermittlungsverfahren «unfassbar eindimensional geführt» und alles am Fingerabdruck ausgerichtet, kritisiert Piel. Alle anderen Verdächtigen seien ausgeschlossen worden. «Einseitig und übereifrig» habe man sich auf den Fingerabdruck gestürzt, obwohl es sich nicht einmal um eine tatrelevante Spur handele.
Der verwitwete Professor habe häufig männliche Prostituierte mit nach Hause gebracht. Er sei sogar von einigen von ihnen erpresst worden. Im «Dortmunder Stricher-Milieu» habe man sich damals erzählt, dass bei ihm Geld zu holen sei. «Eine große Zahl wusste, wo er wohnt und klingelte auch bei ihm. Er hatte ein ausschweifendes Sexualleben und war in der Szene an mehreren Bahnhöfen bekannt.»
1,8 Promille Alkohol seien in seinem Blut noch gemessen worden. Er habe also im Vollrausch im Bett gelegen und möglicherweise vergessen, die Terrassentür zu schließen. Tage später hatte ein besorgter Kollege des Professors mit einer Nachbarin durch diese Tür das Haus betreten und die Leiche entdeckt. Der junge Mann, der auf einem Teller in der Küche seinen Fingerabdruck hinterlassen hat, müsse also keineswegs der Mörder sein.
Kinder zum Bahnhof gebracht
Nachdem er seine Kinder zum Bahnhof in Solingen-Ohligs gebracht habe, sei der Hochschullehrer in Begleitung eines dunkelblonden jungen Mannes gesehen worden. «Die Beschreibung ähnelt meinem Mandanten», sagt Piel.
Demnach könnte er mit ihm in sein Haus nach Hilden gefahren und dort zu Abend gegessen und auch Sex gehabt haben. Danach sei der Professor aber noch sehr lebendig in einer einschlägigen Kneipe in Köln gesehen worden.
Die Ermittler hätten damals in eine Szene von 4.000 männlichen Prostituierten 17 ausfindig gemacht, die nachweislich mit dem Professor Sex gehabt hatten. Einige seien sogar als gewalttätig bekannt gewesen. Einer von ihnen habe nach der Tat sogar plötzlich über 2.500 DM verfügt.
Da weder ein Fenster eingeschlagen noch eine Tür aufgebrochen war, ging die Kripo damals davon aus, dass der Hochschullehrer seinen Mörder selbst hereingelassen und vermutlich gekannt hat. Die drei Kinder des verwitweten, alleinerziehenden Vaters wurden durch die Tat zu Vollwaisen.
42 Jahre sind auch für einen Cold Case eine ungewöhnlich lange Zeit: Richter Rainer Drees listet eine Reihe von Zeugen auf, die inzwischen gestorben sind. Das Düsseldorfer Landgericht hat zehn Verhandlungstage für den Fall angesetzt.