Die Messenger-App hatte im Dezember Hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer aufgefordert, ihr Alter nachzuweisen. Dies konnte etwa über ein australisches Bankkonto, über Dokumente wie Pass oder Führerschein oder über eine Altersabschätzung per Gesichtserkennung erfolgen.
Wie Jugendliche das Gesetz umgehen
Eltern sagen aber, dass die meisten Teenager schnell Wege gefunden hätten, das Verbot zu umgehen. «Ich habe Zwillinge, und es hat sich nichts Bedeutsames geändert - außer, dass die Regierung sich selbst feiert», schrieb eine frustrierte Mutter vor wenigen Tagen in einem Kommentar auf Instagram. Die neuen Regeln hätten nur bei einigen Kindern und Jugendlichen Wirkung gezeigt. «Die meisten waren direkt wieder online und haben sich einen neuen Account zugelegt», erzählte sie.
Auch die Gesichtserkennung zum Altersnachweis zu umgehen, sei im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel, erzählen Teenager. «Reddit» zitierte in einem Beitrag einen 15-Jährigen mit den Worten: «Ich habe in die Kamera geschaut, die Stirn ein wenig gerunzelt, und schon hieß es, ich sei über 16.»
Eine Mutter sagte dem Sender ABC: «Ich habe eine zwölfjährige Tochter. Sie und ihre Freundinnen wurden allein durch das Tragen von künstlichen Wimpern und Make-up als Über-17-Jährige eingestuft.» Andere lassen sich von älteren Geschwistern helfen, die für sie in die Kamera schauen. «Ich dachte, die Sperre wäre viel strenger, aber letztendlich war es total entspannt, es ist einfach so gut wie nichts passiert», sagte der 14-jährige Adyan der ABC.
«Unfassbar dumm und schädlich»
In einem anderen Kommentar auf Reddit schreibt ein Teenager, dass soziale Medien «eines der größten, einfachsten und beliebtesten Mittel für Jugendliche ist, ihre Meinung zu äußern». Das Verbot bringe diese Stimmen zum Schweigen und ignoriere die Meinungsfreiheit junger Menschen. Das Gesetz sei «unfassbar dumm, fehlerhaft und schädlich», erzürnte sich der jugendliche Autor.
Auch viele Lehrer sind unzufrieden und fühlen sich mit den Folgen des Gesetzes alleingelassen. Eine Umfrage unter mehr als 400 Lehrkräften ergab, dass die meisten sich nicht ausreichend vorbereitet fühlen, um mit den Auswirkungen des Verbots im Schulalltag umzugehen.
YouTube wird an Schulen weiter genutzt
Mehr als 80 Prozent der Lehrkräfte gaben dabei an, dass sie etwa YouTube zu Unterrichtszwecken nutzten. Das Verbot von Konten steht im Widerspruch dazu, dass Teile der Plattform weiterhin im Klassenraum genutzt werden können. Es fehle schlicht an klaren Richtlinien, monierte die Mehrheit der Befragten.
Premier Albanese hatte von Anfang an relativiert, dass Veränderungen nun einmal nicht über Nacht passieren - und auch, dass das Gesetz bei weitem nicht perfekt sei. «Genau wie beim Alkoholverbot für unter 18-Jährige bedeutet das nicht, dass jemand unter 18 Jahren niemals Zugang dazu hat - aber wir wissen trotzdem, dass es der richtige Schritt war», sagte er.
«Auch wenn es noch zu früh ist, die langfristigen Folgen des Verbots abzuschätzen, ist eines bereits klar: Als demokratische Übung, als kulturelle Bewegung und als Test dafür, ob glaubwürdige Regulierung das Verhalten von Plattformen verändern kann, erfüllt das australische Social-Media-Verbot bisher seinen Zweck», fasste der Kommunikations- und Medienforscher Timothy Koskie jüngst in einem Kommentar der ABC die Situation zusammen.
In Deutschland hatte im vergangenen Jahr eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergeben, dass sich mehr als 70 Prozent der Menschen ein Mindestalter für den Zugang zu sozialen Medien wünschen. Derweil planen andere Länder schon konkret. Einige Beispiele:
Spanien
Regierungschef Pedro Sánchez hat vor wenigen Tagen angekündigt, nach dem Vorbild Australiens ein Verbot sozialer Medien für alle Personen unter 16 Jahren einführen zu wollen. Er verglich soziale Medien mit einem «gescheiterten Staat, in dem Gesetze missachtet und Verbrechen toleriert» würden. X-Eigentümer Elon Musk beleidigte Sánchez daraufhin und schrieb in einem Post mit Kackhaufen-Emoji: «Der dreckige Sánchez ist ein Tyrann und ein Verräter des spanischen Volkes.»
Dänemark
Die dänische Regierung hatte im November angekündigt, für soziale Medien ein Mindestalter von 15 Jahren einführen zu wollen. Eltern sollen aber die Möglichkeit haben, ihrem Nachwuchs schon mit 13 Jahren die Anmeldung zu den Netzwerken zu erlauben. Dem Sender DR zufolge soll das Gesetz noch in diesem Jahr im Parlament verabschiedet werden.
Großbritannien
Zuletzt stimmte das britische Oberhaus bereits für eine entsprechende Gesetzesänderung. Die Entscheidung trifft jedoch letztlich das von der Regierungspartei Labour dominierte Unterhaus - und dort ist man noch zurückhaltend. Im Rahmen einer dreimonatigen Konsultationsphase sollen Vor- und Nachteile abgewogen werden.
Frankreich
Konkretere Pläne gibt es bereits in Paris. Für Unter-15-Jährige sollen bestimmte soziale Netzwerke künftig tabu sein. Für Wissenschafts- und Bildungsplattformen soll dies aber nicht gelten. Präsident Emmanuel Macron will das Verbot schon zum Beginn des nächsten Schuljahres im September in Kraft sehen. Eine Schwierigkeit ist hier aber, eine Regelung zu finden, die mit der europäischen Rechtslage konform ist. Vor einigen Jahren scheiterte Frankreich wegen dieser Regelungen daran, ein Mindestalter von 15 Jahren für die Einrichtung eigener Konten in sozialen Medien einzuführen.
EU
Die Europäische Union plant dagegen kein solches Verbot. Das Parlament hat sich für ein EU-weites Mindestalter von 16 Jahren ausgesprochen. Jugendliche ab 13 Jahren könnten nach der Vorstellung der Abgeordneten unter elterlicher Aufsicht soziale Netzwerke nutzen. Der verabschiedete Bericht hat aber keine bindende Wirkung.
Die EU-Kommission stellt eine technische Vorlage für einen neuen digitalen Alterscheck zur Verfügung, der verhindern soll, dass Kinder und Jugendliche in der EU auf Pornografie und andere nicht altersgerechte Inhalte im Internet zugreifen können. Sie wird derzeit in fünf Ländern getestet.
Unabhängig davon untersucht die Brüsseler Behörde derzeit, ob mehrere Tech-Plattformen genug für den Jugendschutz tun. Die Kurzvideo-App Tiktok verstößt nach vorläufigen Ergebnissen gegen europäisches Recht, wie am Freitag bekannt wurde. Das ununterbrochene automatische Abspielen von Videos und stark personalisierte Empfehlungen seien suchtfördernd. Dem Unternehmen droht nun eine Geldstrafe. Es weist den Bericht zurück.