Ein Überwachungsvideo der Bahn habe Zweifel am konkreten Tatablauf geweckt, teilte das Gericht mit. Welche Erkenntnisse sich daraus ergeben, ließ es offen. Zudem habe sich herausgestellt, dass der Beschuldigte einen festen Wohnsitz habe, familiär gebunden sei und einer Vollzeitbeschäftigung nachgehe. Damit hätten weder ein dringender Tatverdacht noch Fluchtgefahr vorgelegen.
Medienberichten zufolge erklärte die Staatsanwaltschaft, dass für die strafrechtliche Bewertung auch entscheidend sei, ob der Beschuldigte habe erkennen können, dass der Sicherheitsmitarbeiter durch die Tritte aus dem fahrenden Zug stürzen könnte. Zu der Entscheidung des Gerichts äußerte sich die Staatsanwaltschaft darüber hinaus nicht.
Gewalt gegen Zugpersonal nimmt zu
Der Fall weckt Erinnerungen an den Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar Anfang des Jahres in Rheinland-Pfalz. Der Schaffner war nach einer Fahrscheinkontrolle von einem Mann ohne Ticket so schwer zusammengeschlagen worden, dass er an den Folgen starb. Erst kürzlich wurde der Täter zu zehn Jahren Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.
Die Zahl der Übergriffe auf Bahnmitarbeiter steigt seit Jahren. Nach Angaben der Bundesregierung registrierte die Bundespolizei im vergangenen Jahr rund 2.690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn - etwa elf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Für viele Zugbegleiter gehört die Sorge vor Gewalt inzwischen zum Arbeitsalltag.
Freilassung laut Gewerkschaft fatales Signal
Bei der Bahn herrschte Bestürzung über den Vorfall. «Wir verurteilen den Angriff aufs Schärfste», hieß es. Die Gedanken seien bei dem verletzten Mitarbeiter.
Für die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist der Fall ein weiterer Beleg für die zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte. Landeschef Manuel Amberger sprach von einer «neuen, lebensgefährlichen Dimension». «Dass erneut einer unserer Kollegen nach einer einfachen Fahrkartenkontrolle im Krankenhaus um sein Leben ringen muss, macht uns fassungslos und wütend.»
Die stellvertretende EVG-Vorsitzende Cosima Ingenschay verurteilte die Freilassung des Tatverdächtigen. Es möge juristische Gründe geben, teilte sie mit. Für die Beschäftigten sei dies jedoch ein fatales Signal.
«Es ist längst nicht mehr sicher, in den Zügen zu arbeiten»
Viele müssten trotz der Ereignisse wieder ihren Dienst antreten und ihren Familien versichern, dass schon nichts passieren werde. «Es ist längst nicht mehr sicher, in den Zügen zu arbeiten», erklärte Ingenschay. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dürfe dazu nicht schweigen und müsse den Kampf gegen Gewalt im Bahnverkehr zur Chefsache machen.
Auch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer fordert Konsequenzen. GDL-Chef Mario Reiß verlangte im WDR gesetzliche Änderungen und mehr Handlungsmöglichkeiten für Beschäftigte. Viele Kolleginnen und Kollegen müssten inzwischen jeden Tag mehr mit Angst zur Arbeit gehen.