Wissenschaftlerin Mahr beschreibt die Vorteile der KI so: «Sie ist jederzeit verfügbar, also reagiert nicht verletzt, beschämt nicht und kann sehr geduldig wirken.» Dafür fehle der KI, was nur menschliche Kontakte leisten könnten. «Freundinnen bringen aber etwas ein, was die KI nicht hat, nämlich Beziehungsgeschichten, soziale Einbettungen, eigene Erfahrung und Verantwortung, Widerspruch und ein reales Interesse an den Folgen des Gespräches», sagt Mahr.
Schmeichelnde KI als Problem
Die KI neige zudem dazu, schmeichelnd oder zustimmend zu reagieren, weil sie darauf optimiert sei, hilfreiche und für Nutzer angenehme Antworten zu geben, sagt Mahr. Der Psychologe Bastian Schiller von der Universität Heidelberg beschreibt das Problem, das dadurch entsteht, so: «Die Sicht, die ich eh schon habe, wird noch mehr bestätigt - und ich lerne vielleicht nicht, da mal von der anderen Seite draufzugucken und eine andere Perspektive einzunehmen.»
Mahr warnt davor, dass der Mensch in der Bestätigung durch die KI aufgehen kann. «Problematisch wird es eben dort, wo sie zur Ersatzpartnerin, Therapeutin oder moralischer Entscheidungsinstanz wird.»
Der Sexual- und Paartherapeut Carsten Müller aus Duisburg hält die Nutzung von KI sinnvoll, wenn es etwa um Informationen zu intimen Themen gehe - wie ein Überblick zu Gründen für Erektionsprobleme. Wenn es dann allerdings um den Umgang mit den Erektionsproblemen gehe, könne es schwierig werden, sagt Müller.
Trainingsdaten der KI auch mit Vorurteilen belastet
Wie Mahr erklärt, basieren die Antworten der KI auf umfangreichen Trainingsdaten, die auch gesellschaftliche Vorurteile und stereotype Muster enthalten können. Da die Modelle statistische Zusammenhänge lernten, spiegelten sie häufig vorkommende Inhalte und Sichtweisen oft stärker wider, ohne dass diese deshalb automatisch richtig seien.
Therapeut Müller sagt, er würde einen Patienten mit Erektionsproblemen fragen: «Warum brauchen Sie denn überhaupt penetrativen Sex? Warum braucht es überhaupt Erektionen?» Orgasmen ließen sich schließlich auch anders erreichen. Müller sagt: «Das würde KI nicht machen, weil KI bei Sexualität penetrativen Sex im Kopf hat.»
Austausch mit der KI nur über geschriebenes Wort als Problem
Schwierig findet Müller bei der KI auch, dass der Austausch nur auf dem geschriebenen Wort basiere. Für ihn sei in der Therapie Körpersprache, Gestik und Mimik wichtig für die Einschätzung von Aussagen, sagt der 46-Jährige. So würde er sich für die Zukunft wünschen, dass es die Möglichkeit gebe, Anfragen bei der KI mit Video zu stellen. Als Paartherapeut fände er es auch spannend, wenn Paare KI für ihre Beziehungsarbeit gemeinsam nutzen würden - beispielsweise für den Umgang mit Eifersucht.
Für eine sichere Nutzung der KI bei Beziehungsproblemen findet Mahr wichtig, dass junge Menschen entsprechend geschult und ihnen auch die Grenzen der KI aufgezeigt werden. Zudem müssten aber auch die Hersteller von KI-Chatbots diese entsprechend programmieren. «Sie sollte eben nicht nur bestätigen oder trösten», sagt Mahr. «Die KI, wenn wir sie verantwortungsvoll gestalten, müsste auch irritieren können.»
Die KI müsse aktiv gegensteuern, Fragen stellen: Welche Informationen fehlen? Wie könnte die andere Person die Situation erleben? Zudem brauche es rote Linien. Bei Anzeichen etwa von häuslicher Gewalt, Stalking oder Missbrauch müsse sie sofort auf professionelle Hilfe verweisen, sagt die Wissenschaftlerin.
Rund zwei Monate lang hat Isabell regelmäßig mit ChatGPT über die Probleme in ihrer Ehe gesprochen. Neben einer Paartherapie mit ihrem Mann habe sie nun auch eine Einzeltherapie begonnen, erzählt sie. Ihr Therapeut habe ihr gesagt, sie solle eine Liste mit Dingen schreiben, die sie von ihrem Ehemann brauche. Da habe sie die KI als Formulierungshilfe sofort wieder im Kopf gehabt, sagt Isabell. «Das Erste, was ich dann - ehrlich gesagt - gedacht habe, war: in Ordnung, ChatGPT it is.»