Doch diese werde von Männlichkeitsinfluencern und Pick-up-Artists ausgenutzt. «Sie geben ein Männlichkeitsbild vor, mit dem man Frauen abwerten kann und wieder jemand ist. Sie versprechen Sicherheit, das verfängt stark», analysiert Süfke. Eine aktuelle Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) kommt zu dem Ergebnis, dass rund 26 Prozent der Jungen ein «problematisches Weltbild» haben, also unter anderem von einer natürlichen männlichen Dominanz überzeugt sind und LGBTQ+-Feindlichkeit an den Tag legen.
«Deutlich mehr progressive junge Frauen»
Derweil entwickeln sich Mädchen und Frauen häufig in die entgegengesetzte Richtung. Man sehe das beispielhaft an den jüngsten Wahlergebnissen, sagen sowohl Süfke als auch Henninger. Während bei jungen Männern eher die AfD punktet, sind es bei jungen Frauen Grüne und Linke. «Es gibt deutlich mehr progressive junge Frauen», attestiert Süfke.
Das habe Einfluss auf Partnerschaftsmöglichkeiten. «Auf Deutsch gesagt: Jungen und Mädchen kommen quasi gar nicht mehr zusammen.» Einen Namen hat das Phänomen bereits: Hetero-Fatalismus, die Abkehr von anstrengenden Beziehungen mit Männern. Das US-Unternehmen Morgan Stanley prognostiziert auf Basis demografischer Erhebungen gar, dass bis 2030 45 Prozent der Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Single sein werden.
Gefahr für die Demokratie?
Antifeminismus rüttelt aber eben nicht nur an heterosexuellen Beziehungen. Er beobachte einen gesellschaftlichen Rückschritt - und eine Gefahr für die Demokratie, sagt Männerberater Süfke. Zu diesem Thema forscht Henninger im Moment. Antifeminismus, sagt sie, sei kein individuelles Thema: «Das fällt nicht einfach vom Himmel, diese Diskurse werden strategisch von extremen Rechten, christlichen Fundamentalisten und in Deutschland von der AfD platziert und geschürt.» Dabei werde etwa ein vermeintlicher Frauenrechtsdiskurs mit Migrationsabwehr verknüpft. Nach dem Motto: Sexualisierte Gewalt sei ein Problem, das von Migranten ausgehe.
«Aber Deutschland hat es nicht nötig, sexualisierte Gewalt zu importieren. Wir wissen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik und aus Befragungsdaten, dass das Zuhause der gefährlichste Ort für Frauen ist. Und Partnerschaftsgewalt geht durch alle Bevölkerungsgruppen», erklärt Henninger. Teilweise gebe es auch einen verbrämten Postfeminismus: «Quoten? Brauchen wir nicht mehr.»
Wie kann die Gesellschaft Antifeminismus begegnen? Mit mehr Beratung für Jungen, mehr Aufklärungsarbeit an Schulen, mehr Inhalten auf Social Media, die der Manosphere entgegentreten, meint Süfke. «Was ich Eltern und Fachkräften gleichermaßen sage: Diese Jungs sind keine Teufel. Man muss nur mit ihnen reden und klarmachen, was zum Beispiel an Andrew Tate problematisch ist.»
Auch Christoph May arbeitet daran, Feminismus an Männer zu bekommen. Er gibt etwa in Unternehmen, an Universitäten oder in der Kultur Workshops zu Männlichkeit. Gerade habe er eine Anfrage der Bundeswehr erhalten, erzählt der Männerforscher. Oft werde er gebucht, wenn Probleme mit Männern aufgetreten seien. «Als erstes geht es darum, die Männer in die Seminare zu bekommen. Sobald "Feminismus" auf dem Flyer steht, halten die das für ein Thema für Frauen», berichtet May.
Abwehrstrategien kommen ohnehin
Helfen könne, wenn männliche Vorgesetzte teilnähmen oder die Teilnahme verpflichtend sei. Flinta-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Menschen) sollten ebenfalls anwesend sein: «Ihre Erfahrung muss im Raum sein.» Er achte auf eine lockere Stimmung - und kläre direkt zu Beginn, welche männlichen Abwehrstrategien es gegen feministische Positionen gebe. «Ich sage den Teilnehmern: Das wird definitiv kommen, wir nehmen das als Gesprächsgrundlage. Männer argumentieren gern von Frauen- und queeren Themen weg, wenn es genau darum geht.»
May ist es wichtig, dass niemand seine Veranstaltungen frustriert verlässt. «Männer sollen danach wissen, wie man kritisch über Männlichkeit spricht, ohne das persönlich zu nehmen, und was sie für Frauenrechte tun können», berichtet er. Mit Vorteilen des Feminismus für das eigene Männerleben will er sie hingegen nicht mehr überzeugen. «Über den Punkt sind wir hinaus, wir müssen jetzt wütend sein, wenn Männer schweigen, verharmlosen und relativieren.»