Kristin Gebhardt packt aus. Zum Beispiel das Pesto: Ihre Oma hat es als Dreingabe zu einer Weinbestellung bekommen und braucht es nicht. "Also hat sie es mir geschenkt", sagt die Enkelin und lacht. Sie freut sich, weil ihre Stofftasche voll ist mit Päckchen, Tütchen und Gläsern. Bei jedem Griff holt Gebhardt Nudeln, Würstchen, Marmelade heraus und stellt alles auf den Tisch. "Mhm", kommentieren Frank Braun, Sabrina Kley und René Petsch die Auswahl und überlegen, was man daraus kochen könnte. Die vier Nürnberger sind Foodsharer: Sie teilen Lebensmittel, statt sie wegzuwerfen.

Vereinsgründung in Köln

Hinter Foodsharing (englisch food: Lebensmittel, to share: teilen) steht ein Verein, der 2012 in Köln gegründet wurde. Die Mitglieder wollen alle dasselbe: Die Verschwendung von Lebensmitteln eindämmen. Im Vorstand engagiert sich zum Beispiel Valentin Thurn, der mit seinem Dokumentarfilm "Taste the Waste" 2011 die globale Lebensmittelverschwendung anprangerte. Oder Stefan Kreutzberger: Er schrieb mit Thurn den Bestseller "Die Essensvernichter - Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist".

Geben, nehmen, teilen

Gemeinsam mit zehn Mitstreitern haben die beiden die Internetplattform foodsharing.de entwickelt. Die Idee dahinter ist so einfach wie effektiv: Privatpersonen, Händler und Produzenten können überschüssige Lebensmittel kostenlos anbieten oder abholen. Motto: Geben, nehmen, teilen. Geben kann, wer in den Urlaub fährt und den Kühlschrank noch voll oder Reste von einer Party übrig hat. Nehmen kann, wem am Sonntag zwei Eier fürs Kuchenbacken fehlen. Und teilen kann, wer allein nicht kochen mag: Über Foodsharing finden sich Leute in der Nachbarschaft, die auch gerade überschüssige Lebensmittel verarbeiten wollen.

Mitmachen ist ganz einfach

Mitmachen ist ganz einfach: Man registriert sich und hängt seinen virtuellen Essenskorb ins Netz. Oder klickt die Essenskörbe an und bekommt auf einer Karte angezeigt, was wo aktuell zur Verfügung steht. Die Suche kann nach Postleitzahlen gefiltert werden. Fast 27 800 aktive Nutzer in 239 deutschen Städten sind zurzeit dabei. In Bayern gibt es die meisten Essenskörbe in München und Nürnberg, vereinzelt auch in Fürth, Bayreuth, Hof, Kronach oder Würzburg.

Schon über 5000 Essenskörbe übergeben

Seit dem Start des Internetportals wurden nach Angaben von Foodsharing gut 5000 Essenskörbe übergeben und 22 739 Kilo Lebensmittel gerettet. Gerettet, das hört sich pathetisch an. Bedenkt man aber, dass deutsche Haushalte pro Jahr Lebensmittel im Wert von 22 Milliarden Euro wegwerfen, 82 Kilo pro Person - dann ist der Begriff gerechtfertigt.

"Wir retten Lebensmittel" sagen deshalb auch stolz die vier Nürnberger Foodsharer. Sie sitzen in einem Café, das zu einem Bioladen in der Innenstadt gehört und berichten von ihrer Motivation des Teilens. Sie sitzen nicht lang, da kommt die Chefin des Bioladens und stellt einen Teller mit Obst auf den Tisch. Frank Braun nickt: "Das ist typisch", sagt er und lächelt. "Unter den Foods harern sind keine Millionäre, aber alle teilen gern. Das ist einfach der gemeinschaftliche Gedanke."

Der Gemeinschaftsgedanke gefällt ihnen

Der gemeinschaftliche Gedanke: Er gefällt ihnen allen, Braun, Petsch, Gebhardt und Kley. Petsch zum Beispiel sagt, er rettet regelmäßig bei einer Marktfrau Obst und Gemüse, das sonst weggeworfen würde. Wenn es von Interessenten bei ihm abgeholt wird, entwickeln sich oft nette Gespräche. Manchmal werden Verabredungen zum Kochen ausgemacht, auch Freundschaften seien so schon entstanden. Kristin Gebhardt kann das nur bestätigen: Sie kocht jeden Sonntag mit Freunden in unterschiedlichen Wohngemeinschaften, man hilft sich mit Lebensmitteln aus, weggeworfen wird nie etwas.

Allein beim Gedanken daran schüttelt Frank Braun den Kopf. "Es ist so viel Energie reingeflossen, bis eine Gurke im Laden liegt. Es wäre eine Schande, sie wegzuwerfen." Gleichwohl hätte das Retten von Lebensmitteln nichts mit Betteln oder Bedürftigkeit zu tun. Diese Kritik müssen sie sich manchmal anhören: "Warum soll ich Dir Lebensmittel geben, die ich gekauft und bezahlt habe", wurde Kristin Gebhardt schon gefragt. "Warum soll ich Dich durchfüttern?" Darum geht es beim Foodsharing aber überhaupt nicht, sagen die Nürnberger. "Es geht ausschließlich darum, keine Lebensmittel zu verschwenden." Im Prinzip, sinniert René Petsch, ist Foodsharing eine alte Sache, nur neu erfunden. Und Frank Braun ergänzt: "Meine Oma hatte Rezepte, da wurde so lange gekocht, bis alles aufgebraucht war." Warum sollte man das heute anders machen?

Verteilernetz geplant

Deshalb wollen sich die Nürnberger Foodsharer regional besser organisieren. Gerade sind sie dabei, Freiwillige zu suchen, eine Struktur und ein Verteilernetz aufbauen. Sie holen Lebensmittel ab und wollen sie verteilen. Dafür wollen sie öffentlich zugängliche Abholstellen für Essenskörbe einrichten, zum Beispiel in Kulturläden. Dafür brauchen sie aber die Zustimmung des Ordnungsamts: Die Haftungsfrage muss geklärt werden. Braun hat schon einen Termin beim Ordnungsamt ausgemacht.

In der Zwischenzeit funktioniert schon mal das Teilen über das Internetportal, niederschwellig und unbürokratisch von Verbraucher zu Verbraucher. "Franken sind ja nicht so gesellig", sagt Frank Braun und lacht. "Bevor einer zum Nachbarn geht und sagt, ich hätte da Kartoffeln übrig, hängt er sie lieber ins Internet." Am liebsten wäre es den Foodsharern, die Plattform würde sich selbst überflüssig machen - indem die Menschen bewusster einkaufen und nichts übrig bleibt, was verteilt werden muss.

Nachhaltig zu leben ist gar nicht so schwer

Apropos einkaufen: Da gibt es ein Argument, das Frank Braun immer aufregt. Braun hat sich schon lange dem Gedanken der Nachhaltigkeit verschrieben und lebt ihn auch. So hat er den Verein Bluepingu in Nürnberg mitgegründet, der mit seinen Aktivitäten auf vielfältigen Gebieten einen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung unserer Lebensbedingungen leisten möchte. Das Argument also, das Braun aufregt: Wenn jemand sagt, ich kann mir gesunde Ernährung nicht leisten. "Das ist falsch", sagt er. "Man muss nur saisonal einkaufen. Das ist ein Drittel billiger als Fertigprodukte." Was Braun ebenfalls aufregt: Wenn jemand sagt, ich kann nichts machen gegen die Probleme auf dieser Welt. "Egal, wofür man sich engagiert, man muss nur loslaufen", sagt Braun. "Dann wird man immer mehr vernetzt. Gemeinsam ist man nicht mehr ohnmächtig." René Petsch stimmt zu. Gerade in Bezug auf Foodsharing sei das Argument, man könne nichts tun, hinfällig: "Man kann ein Kilo Kartoffeln weitergeben, statt es wegzuwerfen. Da hat man schon 'was getan, ohne Aufwand, ganz einfach."

So funktioniert Foodsharing

Foodsharing ist eine Internet-Plattform, die Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit gibt, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen. Über Foodsharing kann man sich auch zum gemeinsamen Kochen verabreden, um überschüssige Lebensmittel mit anderen zu teilen, statt sie wegzuwerfen.

Foodsharing setzt sich außerdem für die Förderung der Erziehung und Bildung, für eine nachhaltige Entwicklung und ökologisch verantwortungsvolles Verhalten ein. Der Verein will sich der Verbraucherberatung und des Verbraucherschutzes annehmen sowie verschiedene Themen wissenschaftlich bearbeiten: Verwendung und Verschwendung, Müllvermeidung, Lebensmittel regional und saisonal, biologische Erzeugung, Mindesthaltbarkeit, Nachhaltigkeit sowie ihre ökonomische, ökologische und ethische Bedeutung. Foodsharing e.V. wird diese Erkenntnisse publizieren.

Es gibt einen Foodsharing-Ratgeber und eine Foodsharing-Etikette, in der beschrieben wird, was geteilt werden darf. Verderbliche Lebensmittel wie Fleisch oder rohe Eierspeisen und Medikamente sind von Foodsharing ausgeschlossen. Auch Kleidung, Kosmetika, Haushalts-Chemie, Spielzeug und andere Non-Food-Produkte können über foodsharing.de nicht getauscht oder geteilt werden. In der Etikette ist auch beschrieben, wie und wo man teilen kann. Foodsharing hat Treffpunkte für den Tausch eingerichtet, man kann aber auch selbst einen Treffpunkt ausmachen. Im Ratgeber werden z.B. Tipps zum Kühlschrank-Management gegeben, zur Haltbarkeit oder zum Transport von Lebensmitteln.