Das sollten Sie bei der Einnahme von Antibiotika beachten

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Experten machen sich zunehmend Gedanken darüber, wie lange Antibiotika eingenommen werden sollen. Foto: Friso Gentsch, dpa
Experten machen sich zunehmend Gedanken darüber, wie lange Antibiotika eingenommen werden sollen.  Foto: Friso Gentsch, dpa

Antibiotika sieben Tage einnehmen, auch wenn die Symptome bereits verschwunden sind? Das halten nicht mehr alle Experten für richtig.

Viele Patienten wunderten sich schon immer: Weiter Antibiotika schlucken, obwohl das Fieber längst verschwunden war? Das wollte nicht jedem einleuchten. Also setzten manche die Mittel ab, sobald sie die Lungen-, Hals- oder Mittelohrentzündung nicht mehr spürten - und bekamen Ärger mit dem Arzt. Wer einen Infektionserreger nicht mindestens sieben Tage lang bekämpft, so wurden sie belehrt, füge nicht nur sich selbst Schaden zu. Schließlich müsse er damit rechnen, dass der Erreger neue Kräfte sammelt und die Entzündung wieder aufflammt. Er schade auch den Mitmenschen, weil er es den Bakterien ermöglicht, neue Überlebensstrategien zu entwickeln und gegen die Mittel unempfindlich zu werden.

Heute weiß man: Das Gegenteil ist der Fall. Mit jedem Tag, den ein Antibiotikum länger eingenommen wird, steigt auch das Risiko, dass sich die Keime an das Medikament gewöhnen. Das wird zunehmend zum Problem. Den Ärzten gehen die Medikamente aus. Immer mehr Erreger sind gegen ein, zwei oder sogar alle gängigen Antibiotika unempfindlich geworden. Allein in der Europäischen Union fallen laut EU jedes Jahr rund 25.000 Menschen solchen multiresistenten Keimen zum Opfer.


Wer ein Antibiotikum gibt, muss mit einer gefährlichen Nebenwirkung rechnen

"Die Ein-Wochen-Regel als solche war schon immer schlecht begründet oder sogar unsinnig", sagt Professor Winfried Kern, der Leiter der Infektiologie der Uniklinik Freiburg. Wer einen Krankheitserreger schnell und gründlich genug ausrottet, so hatte man sich einst überlegt, lässt ihm gar keine Zeit, Resistenzen zu entwickeln. Was die Väter der Idee nicht bedacht hatten: In der Regel sind die Resistenzen schon da, bevor das Mittel überhaupt gegeben wird.

Schon Alexander Fleming war, als er 1928 das Penicillin entdeckte, umgeben von Keimen, die in der Lage waren, das Mittel zu zerstören. Selbst in der eisigen Antarktis oder mitten im Ozean stößt man auf Keime, denen viele Antibiotika nichts anhaben können. Der Grund: Die meisten Mittel stammen ursprünglich selbst von Mikroben, die sich mit ihnen schon seit Millionen von Jahren bekriegen. Und die sich deshalb schon seit Millionen von Jahren gegen diese Waffen wappnen.

Wer ein Antibiotikum gibt, muss deshalb stets mit einer gefährlichen Nebenwirkung rechnen: Dass er genau diesen unempfindlichen Keimen erst freie Bahn verschafft. Gleichzeitig kommen stets neue Resistenzen dazu: Unter 100 Millionen Keimen ist im Schnitt einer, der bei der Vermehrung zufällig einen Fehler in sein Erbgut einbaut; ein Fehler, der ihn durch Antibiotika weniger verwundbar macht.


Neue Unempfindlichkeiten

Die ursprüngliche Rechnung kann schon allein deshalb nicht aufgehen, weil die meisten Resistenzen gar nicht am Ort der eigentlichen Infektion entstehen. Unser Körper wird in Darm, Haut oder Nasen-Rachen-Raum von 100 Billionen harmlosen Bakterien besiedelt, die der Therapie ebenfalls ausgesetzt sind. Wer den Erreger im Hals ausrottet, verhindert deshalb zwar vor Ort Rückfälle, züchtet aber oft neue Unempfindlichkeiten im Darm.
Je schneller eine Therapie zu Ende ist, darüber sind sich viele Experten einig, desto seltener entstehen solche Probleme. Um zu prüfen, wo sich Antibiotika einsparen lassen, testen sie nun Krankheits- für Krankheitsbild durch, ob nicht auch kürzere Zyklen ihren Zweck erfüllen. Bei Lungenentzündungen außerhalb des Krankenhauses, so hat man inzwischen herausgefunden, reichen oft drei statt der bisher üblichen acht Tage Therapie. Denn manchmal genügt es schon, die Bakterien entscheidend zu schwächen, danach übernehmen die Abwehrzellen den Rest.

Viel schneller als gedacht ließ sich auch eine Streptokokken-Angina bei Kindern, eine chronische bakterielle Bronchitis oder eine Nasennebenhöhlenentzündung besiegen. In Zukunft möchten die Wissenschaftler mit ähnlichen Studien noch für andere Krankheitsbilder ermitteln, wo sich Antibiotika einsparen lassen.

Allerdings haben sich außerhalb der Universitätskliniken die meisten dieser neuen Erkenntnisse kaum herumgesprochen. Und das ist in vielen Praxen nicht die einzige Wissenslücke: "Manche Kollegen", sagt Prof. Sören Gatermann, Leiter der Abteilung Medizinische Mikrobiologie an der Bochumer Universität, "verschreiben immer noch das gleiche Mittel, das sie seit zwanzig Jahren geben". Vielen Niedergelassenen sei nicht klar, dass das von ihnen gewohnheitsmäßig verwendete Antibiotikum nicht mehr Standard oder sogar unwirksam ist.