Die Zahl der Corona-Infektionen sinkt: nur ein Strohfeuer oder die ersehnte Trendumkehr?

Christian Bogdan: Die langsam zurückgehenden Infektionszahlen entsprechen der Erwartung. Der Lockdown und mit ihm die Kontaktbeschränkungen beginnen - trotz Weihnachts- und Silvesterfamilienfeiern - zu wirken. Es gibt aus diesem Grund die berechtigte Hoffnung, dass die derzeitige Entwicklung mehr ist als nur ein Strohfeuer.

Die Politik der reduzierten Sozialkontakte wirkt?

Sie wirkt.

Drohen mutierte Coronaviren die Pandemie neu anzufachen?

Tatsache ist, dass Mutanten inzwischen auch in Deutschland nachgewiesen worden sind. Dass Viren mutieren, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Wir müssen deshalb auch mit weiteren Mutanten rechnen. Für Panik sehe ich dennoch keinen Anlass. So spricht bislang nichts dafür, dass die Mutanten schwerere Krankheitsverläufe auslösen.

Allerdings sollen sie ansteckender sein.

Es liegen Hinweise darauf vor, dass die Mutanten leichter als das Ursprungsvirus übertragen werden. Von einem um 70 Prozent erhöhten Ansteckungsrisiko ist beispielsweise bei jener Mutante die Rede, die zuerst in Großbritannien entdeckt worden ist. Allerdings ist die Datenbasis dazu noch recht dünn. Wir müssen aufpassen, hier vor lauter Spekulation nicht den Boden der exakten Wissenschaften zu verlassen.

Schmälern die Mutanten die Wirksamkeit des Impfstoffs?

Diese Frage muss fortlaufend untersucht werden. Über die Mutante aus Großbritannien liegen die ersten Daten vor. Sie deuten darauf hin, dass der Impfstoff seine Wirksamkeit behält. Der Wirkstoff richtet sich gegen das Spike-Protein. Dieses kann sich aber nicht beliebig verändern, ohne dass das Virus seine Infektiosität verlieren würde. Ich bin deshalb guter Hoffnung, dass die bereits vorliegenden Impfstoffe auch gegen Mutanten schützen.

Gestoppt werden sollen die Mutanten mit einer FFP2-Maskenpflicht. Sinnvoll?

Masken bleiben im Kampf gegen das Virus ein wichtiges Mittel. Auch die Übertragung eines mutierten Virus setzt den ungeschützten Kontakt zwischen Menschen voraus. Dennoch sehe ich den Einsatz von FFP2-Masken außerhalb eines Krankenhauses sehr kritisch.

Weshalb?

Eine FFP2-Maske hat grundsätzliche Nachteile, die von ihren Trägern möglicherweise bewusst ausgeglichen werden. Damit wären allerdings auch die Vorteile der Maske dahin.

Woran denken Sie?

Eine geprüfte und der Norm entsprechende FFP2-Maske besitzt beispielsweise einen erhöhten Atemwiderstand, was sich bereits bei mäßigen körperlichen Tätigkeiten bemerkbar macht. Was werden die Menschen tun? Sie werden die Maske lockerer tragen und versuchen, eine Lücke zwischen Gesicht und Maske zu lassen. Eine falsch getragene FFP2-Maske aber ist gefährlich.

Warum?

Sie wiegt ihre Träger in einer falschen Sicherheit. Der Glaube ist verbreitet, mit einer FFP2-Maske keine Abstands- und Hygieneregeln mehr einhalten zu müssen.

Gibt es in Bayern überhaupt genügend FFP2-Masken?

Das ist ein weiteres Problem. Es gibt zwar genügend Hersteller, die aus dem Filtermaterial die Masken herstellen. Aber wir haben nur wenige Vlies-Hersteller. Engpässe sind nicht auszuschließen. Sie wären hochproblematisch, weil Mitarbeiter in den Kliniken im Umgang mit Covid-19-Patienten und anderen Infektionspatienten dringend auf FFP2-Masken angewiesen sind.

Haben Sie Ihre Einwände der bayerischen Staatsregierung bereits vorgetragen?

Zusammen mit den Hygienikern der anderen bayerischen Universitätskliniken haben wir letzte Woche eine sachliche Stellungnahme verfasst und den Entscheidungsträgern in München zugeleitet.

Was schlagen Sie darin vor?

Da löchrige Wollschals, hochgezogene Rollkrägen und einlagige Alltagsmasken wenig Schutz bieten, sprechen wir uns sehr für eine standardisierte Mund-Nasen-Bedeckung aus und schlagen hier den flächendeckenden Einsatz des zertifizierten chirurgischen Mund-Nasen-Schutzes vor.

Sie meinen OP-Masken?

Richtig. Sie sind sehr wirksam und erlauben dabei noch ein relativ unbeschwertes Atmen. Die Bund-Länder-Kommission sieht das ähnlich und lässt deswegen die Wahl zwischen einer OP-Maske oder einer FFP2-Maske.

Schützt die chirurgische Maske ihren Träger?

Ja. Voraussetzung ist aber, dass auch das Gegenüber eine solche Maske trägt.

Noch immer ist in den meisten Fällen nicht bekannt, in welchen Situationen sich die Infizierten angesteckt haben. Lassen sich auf dieser dünnen Faktenbasis einschneidende Maßnahmen bis hin zu Ausgangssperren ausreichend legitimieren?

Über diese Diskussion muss ich mich wundern. Wir wissen doch alle längst, dass das Virus über Tröpfchen und Aerosole übertragen wird. Menschen stecken sich dort an, wo sie ungeschützt miteinander Kontakt haben und Aerosole sich im Raum ansammeln.

Also eher nicht im Einzelhandel.

Ungeschützte Begegnungen finden derzeit tatsächlich eher im Privaten statt. Dort wo sich die Menschen unbeobachtet fühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, Hygienevorschriften zu vernachlässigen und im Verhalten unvorsichtig zu werden.

Geht angesichts dieser Beobachtung der Lockdown des öffentlichen Lebens nicht vollkommen am Problem vorbei?

Das wäre eine falsche Schlussfolgerung. Ohne den Lockdown und die Schutzmaßnahmen im öffentlichen Raum wären die Infektionszahlen noch sehr viel höher.

Können Geimpfte das Virus weiter übertragen: Was wissen Sie darüber?

Für eine Antwort zur sogenannten sterilen Immunität ist es zu früh, entsprechende Untersuchungen laufen meines Wissens aber. Dabei werden Geimpfte engmaschig auf das Auftreten asymptomatischer Infektion untersucht.

Wie wichtig wäre eine sterile Immunität?

Je mehr Menschen sich impfen lassen, desto stärker gerät die Frage nach der sterilen Immunität in den Hintergrund.

Weil dann die Herdenimmunität in Reichweite kommt.

Ich spreche lieber von Herdenprotektion. Sobald 80 und mehr Prozent der Bevölkerung geimpft sind, wird sie wirksam. Dann sind die Geimpften selbst geschützt. Und sie schützen auch die Ungeimpften, weil eine hohe Impfquote automatisch weniger Virus in der Gesellschaft zirkulieren lässt.

Alten- und Pflegeheime bleiben Corona-Hotspots. Woran scheitert ein besserer Schutz?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat in ihrer Impfempfehlung eindringlich darauf hingewiesen, dass Covid-19 in erster Linie das Leben von älteren Menschen bedroht. Entsprechend müssen Ältere, vor allem auch die Bewohner in Alten- und Pflegeeinrichtungen, dringend geimpft werden.

Sind Senioren überhaupt aufgeschlossen für das Impfen?

Die ersten Wochen haben gezeigt, dass es durchaus herausfordernd ist, die am meisten gefährdeten Menschen möglichst schnell zu impfen. Wenn dann noch Impfskepsis dazukommt, wird es schwierig. Sehr problematisch ist, wenn sich Pflegekräfte nicht impfen lassen. Es hat seinen Grund, warum Heimbewohner und Pflegekräfte bei der Priorisierung in die erste Impfgruppe eingeteilt worden sind.

Also doch eine Impfpflicht?

Nein, eine Impflicht wäre kontraproduktiv. Es braucht stattdessen sachgerechte Aufklärung. Wenn Ärzte ihren Patienten die Fakten darlegen und dabei auch Risiken und offene Fragen nicht verschweigen, werden sich die meisten Menschen impfen lassen. Diese Erfahrung mache ich auch am Uniklinikum in Erlangen.

Beruht Impfskepsis auf einem Mangel an Aufklärung?

Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihr Arzt über Bedenken und mögliche Risiken bewusst hinweggeht, werden sie sich ihre Informationen auf irgendwelchen Seiten im Internet holen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich nicht impfen lassen.

Welche Risiken sind mit den gegenwärtigen Impfstoffen verbunden?

Der Boten-RNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer hat sich in den klinischen Studien nicht nur als sehr wirksam, sondern auch als sicher erwiesen. Nach der zweiten Impfung können allerdings stärkere lokale Schmerzen an der Impfstelle und systemische Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Fieber auftreten.

Muss das nicht beunruhigen?

Nein, diese Nebenwirkungen sind Ausdruck der normalen Impfreaktion.

Was ist mit allergischen Reaktionen?

Seit Einführung des Impfstoffs hat sich gezeigt, dass es ein sehr geringes Risiko einer schweren, aber reversiblen allergischen Reaktion in der Größenordnung von 1:100 000 gibt.

Welche Fragen sind noch offen?

Wir wissen noch nicht, wie lange der Schutz nach der Impfung anhält. Und wir können zum jetzigen Zeitpunkt sehr seltene und spät auftretende Nebenwirkungen nicht völlig ausschließen. Zwar gibt es dafür bislang keine Anhaltspunkte, aber für definitive Aussagen ist es schlicht zu früh.

Das Gespräch führte

Christoph Hägele.