Lichtenfels
Kinderhort

Geschichtsträchtiges Haus wird Hort

Die Stadt Lichtenfels erwirbt die denkmalgeschützte Villa, die einst Otto Bamberger gehörte.
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Die einstige Villa der Familie Otto Bamberger, Kronacher Straße 21 Fotos: Popp
Die einstige Villa der Familie Otto Bamberger, Kronacher Straße 21 Fotos: Popp
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Ein weiteres großes Vorhaben zum Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten wird die Stadt in der Kronacher Straße angehen. Das derzeit noch vermietete Anwesen Nr. 21 soll Mai in ihr Eigentum übergehen und zu einem Hort umgebaut werden. Die Schüler, die einmal in diesem Haus betreut werden, werden Geschichte atmen.

Es handelt sich nämlich um die "Bamberger-Villa", die dem gleichnamigen Unternehmer und seiner Familie gehörte (mehr zur Historie siehe unten). Die zentrale Lage - von mehreren Schulen aus fußläufig gut erreichbar - ist ideal für die angedachte Nutzung. Auf jeder der drei Etagen befinde sich ein großes Zimmer, das sich als Gruppenraum eigne, weiß Stadtbaumeister Gerhard Pülz, der die Substanz als gut einschätzt. Die unter Denkmalschutz stehende Villa zu erhalten, sieht er auch als eine Verpflichtung für die Stadt an. Deshalb sei nicht lange gezögert worden, als bekannt wurde, dass das Haus zum Verkauf steht.

Familie musste fliehen

Die Korbwarenfabrik Bamberger hatte für die Entwicklung Lichtenfels' zur Korbstadt eine wichtige Bedeutung. Die Mitglieder der aus Mitwitz stammenden großen Familie erlitten das gleiche Schicksal wie andere jüdische Mitbürger: Sie wurden zu Opfern des Naziterrors, verloren ihr Ansehen, ihr Hab und Gut, ihre Heimat - oder ihr Leben. Otto Bamberger, der schon als junger Mann Geschäftsführer in dem Familienunternehmen wurde, starb bereits im Jahr der Machtergreifung Hitlers, 1933. Seine Frau Henriette war mit 38 Jahren Witwe und sah für ihre beiden Kinder Klaus und Ruth keine Zukunft mehr in Deutschland. Ihr selbst wurde von einem wohlmeinenden Informanten aus dem Bezirksamt bei einem diskreten nächtlichen Besuch nahegelegt, das Land innerhalb der nächsten zwei Tage zu verlassen.

Später wurde das Haus Sitz einer Anwaltskanzlei. Die bemalten Fenster, der Brunnen mit Froschkönig-Skulptur und der Baumbestand hinterm Haus blieben erhalten. Dort ist Platz für den Anbau eines barrierefreien Zugangs, der zugleich den aus Brandschutzgründen erforderlichen zweiten Rettungsweg darstellen würde. Für den Garten besteht zudem eine Erweiterungsmöglichkeit über ein angrenzendes Grundstück. Zu der Zeitschiene für den Umbau und den Kosten können noch keine näheren Angaben gemacht werden, wie der Stadtbaumeister betont.

Mittel im städtischen Haushalt

Johann Pantel hat als Stadtkämmerer inzwischen das Zepter an seinen Nachfolger Dominik Först übergeben. Den Haushaltsplan 2019 hatte er aber noch ausgearbeitet und darin für Gebäudekauf und Planung des Kinderhorts 500 000 Euro vorgesehen. Insgesamt hatte Pantel mit 1,5 Millionen Euro für dieses Vorhaben gerechnet. Das muss zum jetzigen Zeitpunkt, da eine gründliche Bestandsaufnahme noch bevorsteht, als vage Kalkulation eingestuft werden. Staatliche Unterstützung ist für die Schaffung einer Kinderbetreuungseinrichtung in jedem Fall zu erwarten. Die geplante Sanierung muss auch mit der Denkmalschutzbehörde abgesprochen werden. Dann wird sich zeigen, inwieweit von dieser Stelle Zuschüsse zu erwarten sind.

Ziemlich genau 14 Jahre ist es her, dass das Haus Ort einer öffentlichen Veranstaltung war. Der Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) präsentierte dort die Erinnerungen des Klaus Bamberger an seine Kindheit in Lichtenfels als Büchlein. Das Haus weiterhin mit Leben zu erfüllen, ist nach seiner spannenden und wechselvollen Geschichte ein Auftrag, den die Stadt Lichtenfels angenommen hat.

Gastliches Haus und Künstler-Treff

Erbaut wurde das Haus Kronacher Straße 21 im Jahr 1914 nach Planung von August Berger. Der namhafte Architekt mit Büro in Hildburghausen zeichnete für zahlreiche Bauten in Coburg verantwortlich. Möbliert wurde das Haus 1928 von dem Bauhaus-Architekten Erich Dieckmann 1928 - eine Besonderheit. Hausherr Otto Bamberger gilt als einer der größten Förderer und Kunden des Bauhauses. Das Familienunternehmen Bamberger war Europas größter Rohmaterialienlieferant für die Korbindustrie und Handelshaus mit zu Spitzenzeiten über 100 Mitarbeitern und noch einmal so vielen Heimarbeitern. Die Firma besaß einen Mercedes mit Chauffeur, die Familie nutzte allerdings lieber eine Pferdekutsche, wie aus den Erinnerungen von Klaus Bamberger (1920-2008) hervorgeht. Seine Eltern Otto und Henriette Bamberger waren Juden, aber nicht gläubig. Ihr Haus war ein gastliches, in dem damals wenig bekannte, heute weltberühmte Künstler wie Reinhold Nägele und Alfred Kubin verkehrten. Es fanden literarische Abende und Lesungen statt. A ls Kunstmäzen erwarb Otto Bamberger in den 1920er-Jahren eine umfangreiche Sammlung mit Werken von u.a. Ernst Barlach, Otto Dix, Paul Klee, Käthe Kollwitz, Emil Nolde und Marc Chagall. Die Kunstsammlung wurde von den Nazis konfisziert, in ein Lagerhaus in Nürnberg gebracht, das 1945 bei einem amerikanischen Bombenangriff zerstört wurde. Klaus (später: Claude) Bamberger emigrierte nach Studium in der Schweiz wie etliche Familienmitglieder in die USA und baute ein Unternehmen auf. Er hatte trotz allem keine Vorbehalte gegen Deutsche. Nach dem Krieg besuchte er seine Heimat, um zu sehen, was aus seinen Freunden geworden war. Er war mit einer Malaysierin verheiratet und lebte 70 Jahre in New Jersey, wo er begraben ist.

Quelle: "Aus der Geschichte der Familie Bamberger" von Klaus Bamberger, herausgegeben vom Stadtarchiv Lichtenfels 2005 (CHW-Schriften)

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