Druckartikel: Viele Stromkunden wollen nicht wechseln - warum das teuer ist

Viele Stromkunden wollen nicht wechseln - warum das teuer ist


Autor: Klaus Heimann

, Montag, 02. November 2026

Wer Geld beim Strom sparen will, sollte den Anbieter wechseln. Das machen aber viele Kunden nicht, wie der Wechselmonitor der Universität Aachen und Octopus feststellt. Die Nibelungentreue kommt die Verbraucher teuer zu stehen.
Strom: Zu wenige Kunden wollen den Anbieter wechseln.


Was ist die "Treuestrafe"?

Wenn ein Strom-Vertrag zu teuer wird oder ein besserer auf den Markt kommt (gleiches gilt übrigens für Gas- und Internetanbieter), sollten Verbraucher den Anbieter wechseln um so Geld zu sparen. Dieses Grundprinzip wird allerdings von zu wenigen Deutschen genutzt, dies zeigt eine gemeinsame Untersuchung des Lehrstuhls für Energiesystemökonomik der renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und von Octopus Energie (nach eigenen Angaben über eine Millionen Kunden in Deutschland). Besonders betroffen sind davon Verbraucher mit niedrigem Einkommen, ältere Menschen und Mieter: "Das trifft leider oft genau die Menschen, die es sich am wenigsten leisten können", kommentiert Bastian Gierull, Chef von Octopus Energy Germany, die Ergebnisse (Octopus Energie: Loyale Stromkunden zahlen 11 Mrd. Euro zu viel).

Die Forscher aus Aachen nennen das "Treuestrafe" (RWTH-Universittät: Dynamiken der Preisgestaltung und Preisanpassung im Stromvertrieb – Analyse der Energiepreisanpassungen in Deutschland). Gemeint ist damit, dass die Kunden ihren Vertrag mit dem Stromversorger weiterlaufen lassen, obwohl der Markt günstigere Preise anbietet. Insgesamt geht es um 11 Milliarden Euro, die die Verbraucher hätten allein im Jahr 2025 beim Strom sparen können. Damit ist die "Treuestrafe" mehr als doppelt so hoch wie 2021, im Jahr vor der Energiekrise. 

Dass treue Bestandskunden mehr für ihren Strom bezahlen, ist eigentlich kein Geheimnis für Insider. Wie groß das Problem in Deutschland tatsächlich ist, war bisher aber schwer zu beziffern. Und wie hoch die Bestandskundenpreise der Anbieter war, bislang unbekannt. Die RWTH-Studie liefert zum ersten Mal Zahlen und zeigt gravierende Missstände im deutschen Strommarkt. Wobei sich die ermittelten Fakten aus 2.342 Preisanpassungsschreiben privater Stromkunden ergeben

Wie viel Stromkosten sind durch den Wechsel zu sparen?

Und das sind die Fakten, die die Forscher der RTWH ermittelten: 

  • Betroffene: 2025 waren bis zu 30 Millionen Haushalte von der "Treuestrafe" betroffen, das entspricht knapp drei Vierteln aller Haushalte in Deutschland. 
  • Für treue Kunden ist es teuer: Bestandskunden zahlen im Durchschnitt rund h13 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) höhere Arbeitspreise als Neukunden. Das entspricht einem durchschnittlichen Preisaufschlag von etwa 47 %.

  • Anlocken und Abzocken hat System: Viele Kunden werden mit günstigen Einstiegstarifen gelockt. Doch bei 75 Prozent der untersuchten Verträge kommt es nach etwa 11 bis 14 Monaten zu einer Preisanpassung. Die Preise steigen dann im Schnitt um 19 bis 24 Prozent.

  • Fehlende Wechselbereitschaft: Von den insgesamt 11 Mrd. Euro "Treuestrafe" im letzten Jahr entfallen nur 4 Mrd. Euro auf Kunden in der Grundversorgung. Das zeigt, dass die fehlende Wechselbereitschaft nicht nur bei Kunden in der Grundversorgung hohe Kosten verursacht. 

  • Haushalte können sparen: Im Schnitt könnte jeder Haushalt 304 Euro bis 492 Euro mit einem Anbieterwechsel sparen, so das zentrale Ergebnis der RWTH-Forscher.

  • Warum will Octopus Energie mehr Transparenz?

    Wie die Studie außerdem feststellt, erhöhen überregionale Anbieter ihre Arbeitspreise prozentual am stärksten, während neue marktteilnehmende Anbieter am wenigsten an der Preisspirale drehen. Der Strommarkt ist also eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft": Er teilt sich in treue Kunden und die Schnäppchen-Wechsler. Treue zum Stromversorger wird mit bis zu 492 Euro Mehrkosten pro Jahr bestraft.

    Immer noch erschwert wird der Wechsel für den Stromkunden, weil es deutliche Transparenzdefizite im Markt gibt. Während sich Neukundentarife eng an den Entwicklungen an den Energiemärkten orientieren, steigen Bestandskundentarife häufig weitgehend unabhängig davon. Preisanpassungen werden oft global und pauschal mit steigenden Kosten für "Beschaffung und Vertrieb" begründet – ohne die tatsächliche Marktentwicklung konkret zu benennen.

    Während Länder wie Großbritannien oder Australien bereits gegen die Loyalitätsstrafen vorgehen, herrscht hierzulande bislang nur Schulterzucken. Und das ausgerechnet in einem der Länder mit den höchsten Strompreisen weltweit. "Wenn ein Markt Loyalität systematisch in diesem Ausmaß bestraft und gerade vulnerable Gruppen überdurchschnittlich belastet, darf der Staat nicht tatenlos bleiben", meint Bastian Gierull, Chef von Octopus Energy Germany.

    Ist die Skepsis, Ergebnis der Liberalisierung des Strommarktes?

    Dass die Verbraucher sehr vorsichtig beim Wechsel des Stromlieferanten sind, liegt an der Energiekrise, die nicht vorbei ist. Die offizielle Liste der Bundesnetzagentur in Bonn, nennt diejenigen Stromlieferenten, die ihre Verteilung wegen Insolvenz einstellten mussten. Sie umfasst immerhin rund 25 Versorger und zwar quer durch Deutschland. 

    Bis kurz vor der Jahrtausendwende war der Energiemarkt in Deutschland durch starre Gesetze und die Monopolstellung von Energieriesen geprägt. Die erfolgreiche Liberalisierung des Telekommunikationssektors war das Vorbild für den Energiemarkt. Nach der Öffnung kamen viele neue Energie-Akteure ins Spiel. Stromkunden haben seitdem die "Qual der Wahl". Die "Lebensdauer" einiger Energie-Versorger war allerdings nur von kurzer Dauer. Im bundesweiten Durchschnitt können Verbraucherinnen und Verbraucher heute in ihrem jeweiligen Liefergebiet zwischen rund 100 verschiedenen Anbietern wählen. Trotzdem schüren Insolvenzen die Skepsis der Kunden

    Jüngstes Beispiel: Erst im Oktober 2026 musste der Ökostromanbieter Grüüün aus Rugendorf (Bayern) seine Stromlieferung einstellen, wie inFranken.de, Teil der Mediengruppe Medien-Digital Bayern, berichtete. Rund 200.000 Kunden müssen sich nun einen neuen Versorger suchen. Grüüün war 2024 gestartet und hatte mit langfristigen Preisgarantien bis zu 10 Jahren geworben. Nur Netzentgelte, Steuern und Gebühren hätten sich ändern können, versicherte das Unternehmen, das ein Ableger der Münch-Energie-Gruppe ist.