Supermarkt-Trick: Wieso Mandarinen in roten Netzen verkauft werden
Autor: Lea Mitulla
Deutschland, Montag, 12. Oktober 2026
Ob Mandarinen, Zitronen oder Kartoffeln: Obst und Gemüse wird oft in Netzen verkauft, die eine ähnliche Farbe haben. Ist das nur Zufall? Nein, dahinter steckt ein Verkaufstrick – oder besser gesagt, eine Wahrnehmungstäuschung.
Mandarinen und Orangen werden immer in roten Netzen verkauft, Zitronen in grünen und sogar Kartoffeln stecken meist in einem farblich passenden Netz. Dabei stimmt die Farbe der Verpackung nie exakt mit dem Produkt überein, ist aber ähnlich. Das ist kein Zufall oder eine einfache Design-Vorliebe. Die Hersteller machen sich ein Phänomen aus der Farbtheorie zunutze, damit ihr Produkt besser aussieht.
Die optische Täuschung geht auf den Bezold-Effekt zurück und ist auch als "Konfetti-Illusion" bekannt. Das Prinzip ist einfach: Wird ein andersfarbiges Muster über ein Objekt gelegt, nehmen wir dessen Farbe anders wahr. Das rote Netz über den orangefarbenen Mandarinen lässt die Früchte etwa dunkler und dadurch reifer erscheinen. Wissenschaftler sprechen dabei von "Farbassimilation", also einer wahrgenommenen Angleichung der beiden Farben.
Mandarinen immer im roten Netz: Was hinter dem Verkaufstrick steckt
Diesen Zusammenhang hat Karl Gegenfurter, Wahrnehmungspsychologe an der Justus-Liebig-Universität Gießen, untersucht und belegt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "i-Perception" veröffentlicht. Anlass für seine Studie waren die eigenen Erfahrungen beim Einkauf, wie Gegenfurter in einer Mitteilung der Universität erklärte. Er hatte im Supermarkt Orangen gekauft, die in ihrem farblich passenden Netz reif aussahen. Erst zu Hause sei ihm aufgefallen, dass die Früchte eher grünlich schimmerten, als er sie aus dem Netz genommen hatte. Das weckte das Interesse des Wissenschaftlers, der sich mit seiner Arbeitsgruppe vorwiegend mit visueller Wahrnehmung und Farbforschung befasst.
Um seine Theorie zu testen, musste Gegenfurter zunächst prüfen, ob es sich nicht nur um Reflexionen zwischen dem Netz und den Früchten handelt. Die Lichtspiegelung trägt vermutlich dazu bei, dass die Farbe der Orange "gesättigter" wirkt, er vermutete aber zusätzlich eine optische Illusion. Dafür stellte er das Netz optisch nach, indem er Streifen in der Farbe des Netzes über ein Bild der grünlichen Orange legte. Das Ergebnis: In der digitalen Version des Obstnetzes erscheint die Farbe der Orange ebenfalls kräftiger und der Grünstich verblasst.
"Ich schließe daraus, dass die Farbassimilation allein eine starke Auswirkung auf das Erscheinungsbild der Farbe hat", sagt Gegenfurter. Das sei eine große Freude für Farbwissenschaftler, aber "ein trauriger Moment für den Verbraucher", resümiert der Psychologe.
Die Obst- und Gemüsehändler verwenden die "Konfetti-Illusion" aber vermutlich nicht mit Absicht, um Verbraucher zu täuschen. Realistischer ist, dass die Farbwahl bei den Netzen auf nüchterne Verkaufszahlen zurückgeht. Mit der Zeit hat sich wohl herumgesprochen, dass die Früchte im farblich passenden Netz besser bei den Kunden ankommen und öfter verkauft werden. Wer das nächste Mal im Supermarkt vor dem Obstregal steht, sollte sich die Früchte aber lieber von Nahem genauer anschauen, ob sie auch wirklich reif aussehen. Ansonsten kann es beim Auspacken zu Hause zur Enttäuschung kommen.