Virtuelles Kraftwerk: Statt einspeisen – einfach Geld machen mit deinem PV-Strom

Kannst du deinen selbst erzeugten Strom an der Strombörse in Leipzig handeln? Das funktioniert nur, wenn du Teil des virtuellen Kraftwerks wirst. Dafür musst du allerdings einen Smart Meter ergattern, der hierzulande schwer zu kriegen ist.

Wer bei seiner neuen Photovoltaik-Anlage (PV-Anlage) auf die Einspeisevergütung setzt, der hat voraussichtlich ab Januar 2027 mit "Zitronen gehandelt". Das im Bundestag anstehende Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) verspricht nichts Gutes: nämlich das Ende der Einspeisevergütung nach dem bisherigen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bei Neuanlagen unter 25 Kilowatt-Peak (kWp). Deshalb ist es gut, dass sogenannte "virtuelle Kraftwerke" an Bedeutung gewinnen. Aber wie funktioniert die Alternative zur Einspeisevergütung? Wie viel Geld lässt sich damit an Stromkosten einsparen? inFranken.de hat sich umgehört und mit Jannik Schall, dem Mitbegründer und Chief Product Officer (CPO) von der Firma 1KOMMA5°, gesprochen, einem der großen Anbieter auf dem Markt.

Wie funktioniert das virtuelle Kraftwerk?

Das virtuelle Kraftwerk ist nicht zu vergleichen mit seinem Pendant, das mit Kohle-, Gas-, Wasser- oder Kernkraft betrieben wird. Sie haben keine feste Adresse, sondern funktionieren nach dem Prinzip der "Schwarmintelligenz": Es ist der digitale Zusammenschluss und die Vermarktung von vielen Stromquellen von PV-Anlagen, Wärmepumpen und Speichern. Es sind alle Anlagen, die ihren Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne und Biogas beziehen. Aber die rund 4,5 Millionen PV-Anlagen-Besitzenden in Deutschland haben ein "großes Problem", wie Energieexperte Jannik Schall von 1KOMMA5° erläutert. "Die Erzeugung und der Verbrauch fallen zeitlich auseinander."

Die Lösung ist eine intelligente Vernetzung der Erzeuger. Diese Aufgabe übernimmt eine zentral betriebene und gesteuerte digitale Software. Sie nutzt dafür natürlich künstliche Intelligenz (KI). Sie zieht dann den überschüssigen Strom aus den Speichern ab, wenn der Strom teuer ist, und verkauft ihn an der Börse in Leipzig. Im Gegenzug kommt der Strom immer dann in den Speicher zurück, wenn er preiswert ist. Energieexperte Jannik Schall von 1KOMMA5° erklärt das Prinzip so: "Unsere intelligente, digitale Steuerung, die bei uns Heartbeat AI heißt, vernetzt viele private und dezentrale PV-Anlagen zu einem großen virtuellen Kraftwerk." 

Die damit erreichte hohe Flexibilität ist einer der größten Vorteile eines virtuellen Kraftwerks. Bei Windflaute, Dunkelheit oder wenn aus anderen Gründen mehr Strom im Netz gebraucht wird, liefern die Batterien ihn und tragen damit zur notwendigen Netzstabilität bei. Und das ganz ohne zusätzliche und teure Gaskraftwerke, wie sie die Bundesregierung plant. "Wir haben in diesen Tagen die Grenze von einem Gigawatt zeitlich verschiebbarer Kapazität überschritten. Damit können wir Strom genau dann nutzen, wenn er im Überfluss vorhanden ist, oder ihn ins Netz zurückspeisen, wenn die Preise hoch und das Angebot knapp ist", erläutert Schall das Geschäftsmodell seiner Firma.

Warum lohnt sich der Bienenschwarm der Energiewende für die privaten PV-Anlagen-Besitzer?

Jannik Schall verweist bei dieser Frage stolz auf die Stromrechnung, die sich oftmals durch eine Beteiligung am virtuellen Kraftwerk halbiert. "Wir gehen davon aus, dass derjenige, der viel Strom verbraucht, die größten Einsparungen bei den Stromkosten hat. Wer also neben dem Haushaltsstrom, eine Wärmepumpe betreibt und ein E-Auto selbst an der eigenen Wallbox lädt, kann diese Halbierung erreichen." Mit einem Kundenbeispiel verdeutlicht 1KOMMA5° die Vorteile des Einsatzes des Energiemanagers. Die Familie Voll ist wie folgt ausgestattet und erhält Geld bisher aus einer Teileinspeisung ins Netz:

  • PV-Anlage: 9,9 kWp
  • Batteriespeicher: 9,6 kWh
  • Wallbox:11 kW
  • KI-Steuerung: Heartbeat AI
  • Dynamischer Stromtarif: Dynamic Pulse von 1KOMMA5°

Familie Voll erzeugte über ein Jahr hinweg 11.836 kWh Strom mit ihrer PV-Anlage. Davon nutzt sie fast die Hälfte, 4.586 kWh, im Eigenverbrauch. Das ist realisierbar, weil Familie Voll eine intelligente Steuerung und einen Stromspeicher nutzt. Die aus der PV-Produktion verbliebenen 6.886 kWh wurden früher ins Netz eingespeist und erbrachten der Familie eine Einspeisevergütung von 8,11 ct/kWh und somit einen Erlös von 558,48 Euro pro Jahr.

Ist die Halbierung der Stromrechnung wirklich realistisch?

Insgesamt hatten die Volls in dem Jahr einen Strombedarf von 6.345 kWh. Und damit eine Autarkiequote von 72,29 Prozent. Sie mussten nur noch 1.758 kWh aus dem Netz dazukaufen – Heartbeat AI sorgt zukünftig dafür, dass Strom immer dann zugekauft wird, wenn er besonders günstig ist.

Auf der Stromrechnung von 1KOMMA5° steht nach einem Jahr der Betrag von 163,33 Euro. Inklusive aller Abgaben, Steuern, Netzentgelte und derjenigen Gebühren, die 1KOMMA5° für den dynamischen Tarif analog zur Grundgebühr beim normalen Stromversorger erhebt. 

Bliebe es bei der üblichen Stromrechnung vom Netzbetreiber, würde sich bei einem Vertrag, wie sie die Familie Voll bisher hatte, von einem Preis von 35 ct/kWh und einer monatlichen Grundgebühr von 12 Euro ausgehen. Im Jahr liegt die Stromrechnung Familie bei 719,30 Euro. Mögliche Einsparungen belaufen sich auf rund 556 Euro pro Jahr bei Nutzung des virtuellen Kraftwerks. Das wäre weit mehr als eine Halbierung der Stromrechnung von der Energieexperte, Jannik Schall, eingangs als Einsparpotenzial sprach. So positiv wie die Bilanz letztlich bei der Familie Voll ausfällt, geht sie aber nicht in jedem anderen Fall aus.

Harter Wettbewerb: Ist der Markt wirklich umkämpft?

Im Internet sind die Anbieter von virtuellen Kraftwerken leicht auffindbar. inFranken.de hat drei Firmen ausgewählt: 1KOMMA5°, Sonnen und Enpal.

Andere Anbieter von virtuellen Kraftwerken sind: Next-Kraftwerke, Statkraft, EnBW, E.ON, Vattenfall, RWE, EWE, LichtBlick und größere Stadtwerke (wie z. B. WVV Würzburg,MVV Energie), auf die allerdings nicht näher eingegangen wird.

  • Da ist zunächst 1KOMMA5° aus Hamburg. Die Firma überschreitet mit einer Leistung von 1 Gigawatt zeitlich verschiebbarer Kapazität in ihrem virtuellen Kraftwerk gerade eine magische Grenze. Das entspricht der Leistung eines modernen Atomkraftwerks. Damit hat das Unternehmen seine steuerbare Leistung mithilfe der Software Heartbeat AI innerhalb nur eines Jahres verdoppelt.
  • Ältester Anbieter ist die Firma Sonnen aus dem Oberallgäu und der Pionier unter den virtuellen Kraftwerken. Sie ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Energieriesen Shell. Was in einer Garage im bayerischen Wildpoldsried begann, ist heute ein globaler Player. Sonnen hat Standorte in den USA (Atlanta), Australien (Sydney), Italien und Großbritannien. Die Firma hat weltweit über 1.500 Mitarbeiter.
  • Die dritte Firma ist Enpal (Plattform „Enpal.One+“) aus Berlin. Enpal hat es geschafft, in wenigen Monaten ein virtuelles Kraftwerk aufzubauen. Es bündelt nach eigenen Angaben weit über 40.000 private Haushalte. Kunden profitieren hierbei von einem optimierten Stromtarif und einer Beteiligung an den Erlösen aus dem Stromhandel. Die Firma lockt auf ihrer Internetseite mit dem Spruch: "Jeden Tag Geld verdienen. Bis zu 2000 Euro Enpal-Vergütung pro Jahr." 

Welche Probleme gibt es beim Smart Meter?

Jannik Schall von der Firma 1KOMMA5° stimmt ein heftiges Klagelied an, wenn er an die Verbreitung von Smart Meter (digitalen Stromzählern) denkt. Dieser neue und netzwerkfähige Zähler ist notwendig, um alle 15 Minuten die privaten Stromdaten der Software zur Verfügung zu stellen. "In deutschen Haushalten ist dieser Zähler nur in 5 Prozent aller Haushalte vorhanden. Damit sind wir 'Entwicklungsland' im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn, in dem der Smart Meter Standard ist", beschwert sich Schall.

Das Problem sind laut Schall weniger die Kosten, sondern vielmehr "überhaupt einen zu bekommen". "Von den bundesweit tätigen 851 Netzbetreibern, die es insgesamt gibt, haben es über 100 in zehn Jahren nicht geschafft, auch nur einen einzigen Smart Meter beim Kunden zu installieren. Das ist wirklich ein Skandal." Die Firma 1KOMMA5° löst den Engpass dadurch, dass sie den Einbau in Eigenregie übernimmt. "Unser Elektriker kommt zum Kunden und installiert den Smart Meter. Letztlich sind wir auf die Kooperation mit den Netzstellenbetreibern angewiesen. Dadurch kann sich die Montage in einigen Regionen um mehrere Monate verzögern", berichtet Schall.

Nach Montage des Smart Meters bekommt der Kunde von 1KOMMA5° den Energiemanager in Form einer Box zur Verfügung gestellt. Die Software Heartbeat AI wird dann mit dem Strom und dem Netzwerk verbunden. Alles Weitere wird dann über eine App abgewickelt. Für die Software und den damit verbundenen Service muss der Kunde aktuell monatlich eine Gebühr von 14,99 Euro zahlen. Kauft der Kunde keine Hardware (wie eine Solaranlage, Wärmepumpe oder einen Speicher), wird ein einmaliger Preis von 599 Euro für die Software fällig. 

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