Deutschland
Intersexualität

Intergeschlechtlichkeit: Die vielfältigen Kategorien der Geschlechtsmerkmale

Nicht jede*r lässt sich in die binären Kategorien weiblich oder männlich einordnen. Intergeschlechtliche Menschen besitzen körperliche Merkmale, die sich nicht den binären Geschlechtskategorien zuordnen lassen.
Intergeschlechtliche Menschen sind weder (ausschließlich) weiblich noch (ausschließlich) männlich.
Intergeschlechtliche Menschen sind weder (ausschließlich) weiblich noch (ausschließlich) männlich. Foto: CC0 / Pixabay / Memed_Nurrohmad
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  • Intergeschlechtliche Menschen: Überblick
  • Formen der Intergeschlechtlichkeit
  • Unterschied zur Transsexualität
  • Gesetzliche Lage
  • Fazit

Weder weiblich noch männlich: intergeschlechtliche Menschen lassen sich nicht in eine der beiden Kategorien einordnen. Sie haben Eigenschaften, die sich sowohl dem männlichen als auch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen. Damit gehen verschiedene Herausforderungen einher.

Intergeschlechtliche Menschen: Zahlen und Fakten

Nach der FAZ leben allein in Deutschland schätzungsweise rund 100.000 intergeschlechtliche Menschen. Dies sind Menschen, deren biologische Merkmale sich nicht rein dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen. Intergeschlechtliche zeigen damit, dass das Denken in binären Grenzen nicht immer funktioniert. Die konkrete Anzahl der inter* Menschen ist laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend jedoch nicht bekannt. Dies liegt zum einen daran, dass es diverse Formen der Intergeschlechtlichkeit gibt und zum anderen daran, dass viele inter* Personen ihre Geschlechtsidentität als Selbstschutz vor Diskriminierung nicht offenlegen wollen oder sich dessen gar nicht bewusst sind.

Intergeschlechtlichkeit ist nur als Oberbegriff für zahlreiche verschiedene Erscheinungen zu begreifen. Aufgrund dessen ist auch der Begriff des "dritten Geschlechtes" nur mit dem Hintergrund zu denken, dass hinter der Intergeschlechtlichkeit nicht nur eine Kategorie steckt, sondern vielfältige Körper. Intergeschlechtliche Menschen lehnen eine Einordnung in ein drittes Geschlecht ab, da die körperliche Realität der Menschen so vielfältig ist. Eine mögliche Erscheinungsform ist beispielsweise das Vorhandensein von Hoden im Bauchraum, die männliche Hormone ausschütten; die Zell- Rezeptoren aber reagieren nicht auf das Hormon zur Entwicklung männlicher Merkmale, dem Androgen. Folglich entwickelt sich entsprechend der äußerlichen Geschlechtsmerkmale eine Person, die von außen als Frau gelesen wird, welche jedoch weder Gebärmutter noch Eierstöcke besitzt. Je nach Ausprägungsform spricht man hierbei von einem kompletten, partiellen oder minimalem Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS). Neben dieser Form gibt es diverse andere, wie das Adrenogenitale Syndrom (AGS), bei dem Kinder äußerlich als Jungen wahrgenommen werden und innerlich weiblich sind, oder den Hermaphroditismus verus, bei dem sowohl Eierstöcke als auch Hoden vorhanden sein können. Mit dem Begriff "intersexuell" ist im medizinischen Sinne eine Diagnose verbunden. Doch dies ist nicht der Fall: zwar sind inter* Personen nicht in eine der Kategorien weiblich oder männlich einzuordnen, haben deshalb aber keinesfalls einen kranken oder falschen Körper. Es fordert lediglich eine Loslösung von den binär gedachten Kategorien und ein Umdenken.

Bereits im Säuglings- oder Kindheitsalter werden viele Menschen, die intergeschlechtlich geboren werden, operiert oder medikamentös behandelt. Viele der irreversiblen Eingriffe finden ohne offensichtliche gesundheitliche Notwendigkeit und ohne eine zureichend informierte Einwilligung statt. Einen Wandel bewirkt ein neues Gesetz, das im Mai 2021 in Kraft getreten ist. Hiernach dürfen operative Eingriffe beispielsweise nur erfolgen, wenn sie nicht bis zu einer freien Entscheidung des Kindes warten können, die Absicht, nicht rein die Angleichung an das weibliche oder männliche Geschlecht sind und eine familiengerichtliche Genehmigung vorliegt.

Unterschied zur Transsexualität und Fortschritte

Wer noch nie mit dem Begriff der Intersexualität in Berührung gekommen ist, könnte inter* Personen mit transsexuellen Menschen verwechseln. Doch zwischen diesen Menschen gibt es eine signifikante Differenz: Während intergeschlechtliche Menschen sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale besitzen, können transsexuelle Menschen auf rein biologischer Ebene klar einem der beiden binären Kategorien zugeordnet werden. Transsexuelle Menschen können sich mit diesem biologischen Geschlecht jedoch nicht identifizieren und fühlen sich folglich oft fremd in ihrem eigenen Körper. Beispielsweise besitzen sie einen, aus medizinischer Sicht, weiblichen Körper, sind aber männlich. Dementsprechend entscheiden sich einige trans* Personen, eine Geschlechtsangleichung vornehmen zu lassen. Häufige Gründe sind zum einen, den Widerspruch zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit auszugleichen, zum anderen aber auch der Leidensdruck seitens der Gesellschaft. Geschlechtsangleichungen helfen trans* Personen also vor allem auch, weil andere Menschen nicht so gut damit klarkommen, wenn das gelesene Geschlecht nicht mit dem tatsächlichen Geschlecht übereinstimmt. Im Jahr 2020 entschieden sich rund 21.155 Menschen für eine geschlechtsangleichenden Operation. Eine solche Operation wird natürlich nicht von allen trans* Personen vorgenommen und ist auch nicht immer notwendig. Oft kann sie Menschen aber helfen, die unter dem Widerspruch ihres Körpers, ihrer Gefühle und den Reaktionen der Gesellschaft leiden. Dass sich längst nicht alle für die oft risikoreiche Operation entscheiden, zeigt die Quote der Geschlechtsangleichungen: Sie liegt schätzungsweise bei unter 50 Prozent.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) regelt, dass Frauen, Männer, Intergeschlechtliche und Transsexuelle vor dem Recht gleichbehandelt werden. Niemand darf aufgrund seines Geschlechtes diskriminiert werden. Dennoch werden in der heutigen Gesellschaft trans* oder inter* Personen häufig Opfer von Diskriminierung. Aktivist*innen und Organisationen wie die Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen setzen sich dafür ein, dass ein größerer Austausch über das Thema stattfindet, Erfahrungen ausgetauscht werden und somit mehr politische und gesellschaftliche Akzeptanz sowie Aufmerksamkeit generiert werden.

Vielseitige Erfolge wurden bereits erreicht: neben der gesetzlichen Regelung zu den medizinischen Eingriffen gibt es beispielsweise seit Ende 2018 offiziell den dritten Geschlechtseintrag "divers" neben "männlich" und "weiblich". Doch auch, wenn dies bereits ein wichtiger Fortschritt ist, muss immer noch eine ärztliche Bescheinigung vorgelegt werden, damit sich Personen diese Variante eintragen lassen können. In Zukunft sollte es aber gerechterweise möglich sein, dass jede Person ihr tatsächliches Geschlecht, unabhängig von der Bescheinigung eines Arztes oder einer Ärztin, eintragen lassen kann.

Fazit

Allgemein fehlt es in der breiten Gesellschaft in vielen Bereichen an Wissen über inter* Personen. Es ist wichtig, dass über Erfahrungen berichtet wird und der Austausch angeregt wird. Nur so können Ärzt*innen, Politiker*innen, Eltern, Freund*innen und unsere gesamte Gesellschaft in der Zukunft besser mit intergeschlechtlichen Menschen umgehen - denn ihre Körper sind richtig und gut, genau so, wie sie sind.