Der bisher allerschönste und der allerschrecklichste Tag im Leben von Lena Freudenberger liegen dicht beieinander. Dazwischen liegt nur eine einzige Nacht. Der schönste Tag war für die heute 20-Jährige der 22. Mai 2015. "An diesem Tag erfuhr ich, dass ich ein WG-Zimmer in der Stadt bekommen würde", erzählt die junge Frau aus dem Landkreis Würzburg. Sie freute sich sehr über das neue Leben, das damit für sie beginnen würde. Doch der Traum platzte: Am 23. Mai abends erlitt sie einen Schlaganfall.

Dass auch junge Menschen einen Schlaganfall bekommen können, ist wenig bekannt, sagt Beate Hechtle-Frieß vom Zentrum für Aphasie und Schlaganfall Unterfranken, die Lena Freudenberger seit knapp einem Jahr begleitet. Doch das Phänomen ist alles andere als selten. "Fünf bis zehn Prozent alle Schlaganfälle treffen Menschen unter 50 Jahren. Das sind pro Jahr in Deutschland zwischen 9.000 und 14.000 Männer und Frauen", informiert die Psychologin.


Auf einmal konnte sie nicht mehr sprechen

Lena Freudenbergers Schlaganfall resultierte aus einer Hirnblutung. An dem Abend, an dem es passierte, war sie mit Freundinnen zusammen. "Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr sprechen konnte", berichtet sie. Was ein Schlaganfall ist, wusste Lena Freudenberger vage von ihrer Mutter Tina, denn die ist Krankenschwester: "Doch ich selbst hatte mich nie näher damit beschäftigt", erzählt sie.

Als Lena Freudenberger im Krankenhaus wieder zu sich kam, merkte sie, dass sie sich immer noch nicht äußern konnte. Sie verstand zwar, was die Ärzte, die Pflegerinnen und die Besucher um sie herum redeten: "Doch ich konnte nichts dazu sagen, und das ist das Schlimmste, was einem passieren kann."


Nicht nur das Sprechen musste wieder erlernt werden

Die junge Patientin wurde operiert, nach zwei Wochen Klinikaufenthalt kam sie zur Frühreha. Ihr ganzer Ehrgeiz ging dahin, die verlorenen Funktionen wieder zurückzugewinnen. Das betraf nicht nur das Sprechen. Auch ihre rechte Seite war gelähmt. Nach dem Schlaganfall musste sie das Schlucken, Essen, Trinken, Sitzen, Stehen und Laufen wieder lernen. Außerdem leidet sie seit dem drastischen Ereignis unter Panikattacken mit Todesangst.
Inzwischen klappt das Laufen wieder gut. Große Probleme bereitet Lena Freudenberger noch die rechte Hand: "Ich kann sie nach wie vor kaum öffnen, kann deshalb fast nicht schreiben und noch nicht wieder mit Messer und Gabel essen." Täglich übt Lena, denn sie hat ein großes Ziel: Im Herbst 2017 möchte sie zurück auf die Schule, um ihr Abitur zu machen.

Wie radikal sich ihr Leben geändert hatte, merkte Lena Freudenberger in aller Deutlichkeit erst, als sie wieder daheim war. Ihre einstigen Freundinnen wandten sich von ihr ab, weil mit ihr nichts mehr los war. "Sie können nicht begreifen, wie schwerwiegend die Erkrankung ist", sagt die zierliche junge Frau, die durch das, was sie mitgemacht hat, wesentlich reifer und selbstbewusster wirkt als ihre Altersgenossinnen.
Immer wieder wird sie aufgefordert, doch mit in die Disco oder auf eine Party zu gehen. Das ist für sie aber unmöglich. Die Krankheit und die ständigen ambulanten Therapien erschöpfen Lena: "Abends bin ich immer sehr müde", sagt sie.


"Nach einem Schlaganfall steht man plötzlich völlig alleine da"

Niemals hätte sie gedacht, dass Menschen mit Handicap mit so viel Unverständnis konfrontiert werden würden.
"Nach einem Schlaganfall steht man plötzlich völlig alleine da", konstatiert die junge Frau, die nichts lieber möchte, als endlich wieder ein ganz normales Leben zu führen. Was wäre aus ihr geworden, hätte sich nicht ihre Mutter in den vergangenen Monaten intensiv um sie gekümmert? Immerhin eine Freundin ist ihr noch geblieben - und, was sie oft gar nicht fassen kann: "Ich habe einen Freund." Der hatte sich drei Wochen vor dem Schlaganfall in sie verliebt und hält ihr bis heute die Treue. Als unschätzbar wertvoll erlebten Mutter und Tochter schließlich die psychologische Begleitung durch Beate Hechtle-Frieß.

Zusammen mit der Psychologin möchte Lena Freudenberger nun daran gehen, eine Gruppe für junge Menschen mit Schlaganfall oder erworbener Hirnschädigung aus der Region aufzubauen. Wer Interesse hat, kann sich unter info@aphasie-unterfranken.demelden.