... wie in Japan im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld die Brennelemente schmelzen? Für diesen Fall gibt es konkrete Pläne. Und dazu Studien, die belegen, dass die Kosten eines solchen Desasters astronomisch hoch wären.
Was, wenn Undenkbares gedacht werden muss? Wenn das, was sich gerade in Japan ereignet, im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, fünf Kilometer südlich von Schweinfurt stattfinden würde. Kühlsysteme, die versagen, Brennelemente, die zu schmelzen beginnen.
Ein einminütiger Sirenenton wäre das Zeichen für die Bevölkerung, das Radiogerät einzuschalten und den Durchsagen zu folgen. Die Anweisungen reichen von der Empfehlung, das Haus nicht zu verlassen über die Einnahme von Jodtabletten bis hin zur Evakuierung.
Auch die Sammelstellen werden dann durchgegeben. Der Notfallplan tritt in Kraft.
Das weitere Vorgehen ist genau festgelegt: Busse fahren von Kolitzheim (Kreis Schweinfurt) nach Rödelsee (Kreis Kitzingen), von Bergrheinfeld nach Haßfurt, von Schweinfurt-Deutschhof nach Bamberg.
Das Strahlenschutzvorsorgegesetz verpflichtet die Betreiber, in Grafenrheinfeld, die Eon Kernkraft GmbH, über das richtige Verhalten im Katastrophenfall zu informieren. Mit der Regierung von Unterfranken wurde ein "Ratgeber für die Bevölkerung" herausgebracht. "Für den sehr unwahrscheinlichen Eintritt eines kerntechnisch relevanten Ereignisses treffen die Behörden durch Katastrophenschutzpläne und regelmäßige Übungen Vorsorge, um auch das nicht ausschließbare Restrisiko so gering wie möglich zu halten", teilt der unterfränkische Regierungspräsident Paul Beinhofer dazu mit. Art und Umfang der Maßnahmen hängen von der Entfernung zum Kraftwerk ab.
Der Ernstfall wird in Schweinfurt und Umgebung regelmäßig geprobt. Unter anderem werden im Landratsamt Bürgertelefone, ein Katastrophenschutzraum für die Einsatzleitung und ein zentrales Jodtabletten-Lager eingerichtet.
Vor sechseinhalb Jahren hat die deutsche Energiewirtschaft 137 Millionen solche Tabletten gekauft. Nach Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sollen sie im Umkreis von 100 Kilometern um ein Atomkraftwerk, der so genannten Fernzone, vorrätig sein. Die Fernzone reicht im Fall Grafenrheinfeld bis Kulmbach, Ansbach und Eisenach. Das Jod verhindere nach einem atomaren Unfall, dass sich radioaktive Jod-Isotope in der menschlichen Schilddrüse ansetzen.
"Für die 25-Kilometer-Zone, die so genannte Außenzone, die noch Riedbach, Knetzgau und Theres berührt, lagern die Jodtabletten bei uns, um dann von den Feuerwehren verteilt zu werden", sagt Franz Ott, der im Landratsamt Haßfurt für den Katastrophenschutz zuständig ist.
Insgesamt 200 000 Tabletten liegen dort verpackt und nach Routen sortiert. Darüber hinaus gibt es in Würzburg ein Lager für den nordbayerischen Raum, von dort würden weitere Tabletten per Hubschrauber verteilt. Der Schutz sei am wirksamsten, wenn die Jodtabletten kurz vor oder fast gleichzeitig mit dem Einatmen von radioaktivem Jod eingenommen werden. Später als einen Tag nach der Aufnahme des radioaktiven Jods schützt die Einnahme von Jodtabletten nicht mehr, sie schadet dann eher. Das gilt auch für zu früh eingenommene Tabletten.
Regierungspräsident entscheidet
Erwachsenen über 45 Jahren empfiehlt die WHO, überhaupt keine solchen Tabletten einzunehmen, da sonst das Gesundheitsrisiko für schwere Schilddrüsenerkrankungen höher sei als das Strahlenrisiko durch Einatmen von radioaktivem Jod.
Wann es zur extremen Maßnahme, zur Evakuierung, kommt, entscheidet der unterfränkische Regierungspräsident - der sich wiederum mit dem Innen- und dem Umweltministerium berät. Nicht zuletzt bestimmt die Windrichtung das weitere Vorgehen. Denn laut Katastrophenschutz-Leitfaden muss eine Evakuierung "nur durch sichere Gebiete querab zur Ausbreitungsrichtung" erfolgen. Die Aufnahmegebiete müssten sich in "sicherer Entfernung" entgegen der Windrichtung befinden.
"Haßfurt und Rauhenebrach gelten als Aufnahmeorte, hier würden die Menschen im Katastrophenfall in Schulen oder Turnhallen untergebracht", sagt Franz Ott vom Landratsamt Haßfurt.
Aber dass die Busse wirklich jemals fahren müssen, hält er für äußerst unwahrscheinlich.
Gesetzt den Fall, der Ernstfall tritt doch ein: Tausende von Toten, Schweinfurt eine entvölkerte Geisterstadt, das Maintal in östlicher Richtung bis Bamberg und darüber hinaus radioaktiv kontaminiert, die Bevölkerung evakuiert. Was hätte das für Folgen? Wieviele Menschen wären betroffen? Welche Kosten würden entstehen?Das sind Fragen, mit denen sich die Wissenschaftler Hans-Jürgen Ewers und Klaus Rennings im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium bereits im Jahr 1992 beschäftigten. Das Kernkraftwerk Biblis diente damals als Referenzanlage, die ermittelten Durchschnittswerte können in modifizierter Form auf die übrigen in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke übertragen werden.
Die Windrichtung
Bei ihrem Szenario gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Hälfte der Radioaktivität bodennah freigesetzt wird, die andere Hälfte in einer Höhe von 500 Metern über Grund. Anhand der vorherrschenden westlichen Windrichtung würde sich die Radioaktivität von Grafenrheinfeld aus überwiegend in östliche Richtung ausbreiten. Davon wären große Teile Schweinfurts betroffen ebenso wie die Region um Haßfurt bis Zeil und Ebelsbach. Abhängig von der Windrichtung könnte die Wolke weiter Richtung Bamberg ziehen oder auch in nordöstlicher Richtung über Hofheim und Ebern bis nach Coburg. Bei Niederschlag würden weite Teile Unter- und Oberfrankens radioaktiv verseucht. In einem von den Forschern angenommenen 50 Kilometer-Radius rund um Grafenrheinfeld errechnete man, dass 1,5 Millionen Menschen von den Folgen des Super-Gaus betroffen sein können.
Bei der Berechnung der Schäden unterscheiden die Forscher zwischen Personen- und Sachschäden.
Bei der volkswirtschaftlichen Bewertung der Todesfälle geht man von drei Millionen Euro Schaden je Opfer aus. Nicht mehr zur Verfügung stehendes Humankapital heißt das dann nüchtern. Gemeint sind tausende Strahlentote im Umfeld des Kernkraftwerks. Dazu kommen diejenigen, die aufgrund der Verstrahlung im Lauf der Jahre erkranken (Strahlenkrebs), dem Produktionsprozess nicht mehr zur Verfügung stehen. Den hier entstehenden volkswirtschaftlichen Schaden beziffert man je Fall mit 250 000 Euro. Bleiben die Sachschäden.
Immobilien über Nacht wertlos
So wären die evakuierten Sperrgebiete für mindestens fünf Jahre gesperrt, Schweinfurt bliebe lange eine menschenleere Häuserwüste.
Sämtlicher Wohnraum sowie alle Arbeits- und Firmeneinkommen gingen verloren. Allein der Produktionsausfall wird auf mindestens 200 Milliarden Euro beziffert. Hinzu kommt: Immobilien würden ihren Wert von einem Tag auf den anderen verlieren. Ebenfalls berücksichtigt werden müssen die landwirtschaftlichen Schäden und die Kosten für Umsiedlungsmaßnahmen.
Da kämen leicht nochmals rund 500 Milliarden Euro zusammen. Unvorstellbare Summen, die für jede Volkswirtschaft eine existenzielle Herausforderung darstellen.