Der Schweinfurter heißt "Schnüdel". Was diese Wortschöpfung bedeutet? Da müssen erstaunlich viele, selbst eingefleischte Schweinfurter passen. Stattdessen Achselzucken oder Vermutungen wie die, dass der Rüssel der Sau oder eine Schweinsblase gemeint sein könnte. Vielen Schweinfurtern unbekannt ist aber auch, dass ausgerechnet ein Schweinfurter dem Schnüdel, dem der Schweinfurter seinen Namen verdankt, den Garaus machte: Fritz Stöcklein erfand 1920, also heuer vor 95 Jahren, den schnürlosen Fußball.


Vielseitiger Sportler

Stöcklein war Leichtathlet bei der Turngemeinde 1848 und beim FC 05, er war Mitgründer und Vorsitzender der Schweinfurter Skizunft, und er spielte mit Leidenschaft Faustball und Fußball. Die zu beiden Sportarten eingesetzten Lederbälle waren damals an einer Stelle hart verschnürt. Kein wirkliches Vergnügen für den, der diese Stelle traf. Fußballer und Faustballspieler konnten ein Lied singen von den blauen Beulen am Kopf, aufgerissenen Händen oder dem lädierten Fuß nach einem Vollspannschuss aufs Tor.


Schmerzhafte Angelegenheit

Oftmals trieb die schmerzliche Begegnung mit dem Schnüdel selbst Kunstschützen zur Verzweiflung, weil das Leder - genau am Schnürpunkt getroffen - machte, was man heute auch dem Plastik-Fußball vorwirft: es flatterte, flog unkontrolliert durch die Luft. Oder man denke an den Ballwart, der so seine Probleme hatte, den "Schnüdel" unters Leder des prall aufgepumpten Balles zu schieben.
Der Schweinfurter Spenglermeister Fritz Stöcklein setzte all dem Übel ein Ende. Er knobelte aus, dass mit einem aus Messing-Blech selbst gebastelten Rückschlagventil, das in den unter dem Leder liegenden Gummiball geschraubt werden konnte, die Verschnürung überflüssig wurde.
Ein Sattler aus den eigenen Sportlerreihen nähte das Leder nach den ersten Versuchen zu und - wie es in einem Zeitungsbericht voller Freude heißt: "Siehe da, der Ball hielt allen Anforderungen stand."


Neue Ausreden nötig

Der schnurlose Ball flog oder rollte also jetzt in die gewünschte Richtung. Bei Fehlschüssen mussten sich Spieler neue Ausreden ausdenken. Die Idee, aus der Faust- und Fußball-Leidenschaft eines 20-Jährigen geboren, wuchs zur epochalen Erfindung. Stöcklein meldete mit Unterstützung einiger Geschäftsleute seine Erfindung als Patent an, den "schnürlosen "VAU-DE-Es"-Fußball. Patentnummer 356573. Und zwar für Deutschland, England, Luxemburg, Amerika, Dänemark, Belgien, Schweiz, Frankreich und Italien. Genau ist jeder Handgriff beschrieben: "Die zusammengerollte Gummiblase wird durch das Loch in die Lederhülle gesteckt, sodaß nur noch die runden Lederscheiben sichtbar sind."
Aber: Der junge Tüftler war noch zu unerfahren, um seine bahnbrechende Erfindung auch finanziell auszuwerten. Er verkaufte sein Patent 1920 an die Nürnberger "Sportartikel- und Schneeschuhfabrik Gutkind & Einstein". Drei Jahre lang hatte der Schweinfurter Handwerksmeister selbst bei dieser Firma gearbeitet.
"Die Summe von 30 000 Mark, die von den 88 000 Mark Gewinn für Stöcklein abfiel, schluckte 1923 die Inflation", heißt es in einem Bericht von 1957. Millionär ist Stöcklein nicht geworden, wenngleich er damals einräumte, dass er "doch sehr froh gewesen wäre, wenn ich etwas mit dem Geld hätte anfangen können".


Firma besteht heute noch

In Nürnberg lernte Stöcklein seine Frau Grete kennen. Das Paar heiratete 1925. In diesem Jahr kehrte er nach bestandener Meisterprüfung auch in die Heimatstadt zurück und eröffnete eine Spenglerei mit Bootsbau in der Manggasse. Seinen 75. Geburtstag am 22. März 1975 konnte der Erfinder des schnurlosen Fußballs ebenso noch feiern wie seine goldene Hochzeit im gleichen Jahr. Er starb im Mai 1975 an Herz- und Kreislaufversagen. Seine Frau Grete folgte ihm im Alter von fast 100 Jahren 2004 nach.
Die beiden Stöcklein-Töchtern Lotte Becker und Hella Tröster leben noch. An Hella und ihren Mann Hermann Tröster hatte Fritz Stöcklein die Firma übergeben, die bis heute in Familienhand ist, mit Sitz in der Niederwerrner Straße. Hannes Helferich