Wiesinger warnt vor Gefahren
Es gibt andere, die auf die Gefahren hinweisen. Einer von ihnen ist Michael Wiesinger, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) des 1. FC Nürnberg: "Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass die aktuelle Regelung in Ordnung ist. Junge Talente sollten ausgebildet werden, das funktioniert in den Nachwuchsteams am besten, da man hier tatsächlich noch die Zeit zum Ausbilden hat." Bei der Frage, ob bei einer Senkung der Altersgrenze die Suche nach Talenten nicht noch früher einsetze als es ohnehin schon der Fall sei, dass bereits Sechs- oder Siebenjährige gescoutet würden, gibt sich Wiesinger keiner Illusion hin. "Die Vorgänge auf diesem Markt sind schon jetzt sehr kritisch zu beobachten."
Aus dem Nürnberger Talente-Pool sieht der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums derzeit niemanden, dem er mit 16 Jahren den Sprung ins Haifischbecken "Profifußball" zutrauen würde. Er wisse aber, dass Max Morlock mit 16 sein Debüt in der ersten Mannschaft gegeben habe. "Der wurde später Weltmeister und war vermutlich der größte Spieler, den dieser Verein hervorgebracht hat. Das zeigt, dass so etwas die ganz große Ausnahme ist."
Ambivalent gibt sich der Sportdirektor des FC Bayern München, Hasan Salihamidzic: "Wir haben auch eine große Verantwortung den Jungs gegenüber, dass sie auch in der Schule sehr gut sind. Auch darum kümmern wir uns." Allerdings habe sich der Fußball verändert, die jungen Spieler seien körperlich früher entwickelt und so auch früher reif für Profi-Einsätze. Es sei "der richtige Schritt, dass wir auch in Deutschland keinen Nachteil haben der Konkurrenz gegenüber".
Ähnlich argumentiert der Vorstandsvorsitzende des Rekordmeisters, Karl-Heinz Rummenigge, gegenüber dem Münchner Merkur: "Wir sind dafür, die Altersgrenze zu senken. Was in anderen Ländern mit Erfolg gemacht wird, sollte doch auch bei uns möglich sein. Dortmund hat da den Moukoko, der ist 15, das halte ich für zu jung. Aber 16? Bitte gerne!" Mit 16 Jahren könnte das FCB-Talent Bright Akwo Arrey-Mbi, der im vergangenen Sommer von der Chelsea-Jugend zum FC Bayern gewechselt war, demnächst in der Beletage sein Glück versuchen.
Ricken: Nachteile im Wettbewerb
Im Interview mit dem Kicker hat der Nachwuchskoordinator des BVB, Lars Ricken, einen großen Wettbewerbsnachteil ausgemacht, "weil wir sehr junge Spieler, die über großes Talent verfügen, in Deutschland nicht im Profiteam einsetzen dürfen. Es gibt mehrere Beispiele dafür, dass Spieler sich gegen die Bundesliga entschieden haben, weil sie im Ausland schon früher im Profiteam eingesetzt werden dürfen."
Sportmediziner: "Die Folgen sind nicht abzuschätzen"
Dr. Dr. Andreas Först spricht sich gegen die generelle Senkung der Altersgrenze im Profifußball aus. Mit diesem Thema hat sich der 59-Jährige intensiv auseinandergesetzt. Der Sportmediziner, der unter anderem als Chirurg, Orthopäde, Chirotherapeut und Osteopath arbeitet, ist mit Unterbrechungen seit 1998 Teamarzt des neunmaligen deutschen Basketballmeisters Brose Bamberg. Als Jugendlicher war Först begeisterter Fußballer (TSV Hirschaid) und kickte in der damaligen Bayernauswahl zusammen mit Rekordnationalspieler Lothar Matthäus.
Macht es aus medizinischer Sicht Sinn, die Altersgrenze generell zu senken?
Andreas Först: Nein. Mit 16 Jahren haben noch nicht alle Jugendlichen die körperlichen und emotionalen Reifungsprozesse abgeschlossen, so dass die Folgen der hohen Belastungen im Erwachsenenbereich nicht abzuschätzen sind.
Welche Gefahren bestehen, wenn Jugendliche regelmäßig bei den Profis trainieren und zusätzlich am Wochenende ein Spiel auf höchstem Niveau absolvieren?
In erster Linie sehe ich Probleme, wenn das Skelett-Wachstum noch nicht abgeschlossen und die Wachstumsfugen noch anfällig für mechanischen Stress sind. Ebenso dürfte der Kapsel-Bandapparat durch noch nicht ausgereifte koordinative Fähigkeiten vermehrt verletzungsanfällig sein. Inwieweit das Herz-Kreislauf-System oder auch hormonelle Vorgänge beeinflusst werden können, ist aus meiner Sicht schwer einzuschätzen. Auf jeden Fall sollte hier stets eine individuelle Entscheidung getroffen werden, da es sicher auch Spieler gibt, deren Reifungsprozesse abgeschlossen sind und die physisch dem Erwachsenenalter zuzurechnen sind.
Glauben Sie, dass die Verletzungsgefahr steigt und dass die Spätfolgen der Beanspruchung früher zutage treten?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Einerseits besteht sicher keine vergleichbare körperliche Robustheit und auch nicht die spielerische Cleverness von erwachsenen Spielern. Andererseits sind jüngere Spieler oft wendiger und können kritischen Situationen somit besser ausweichen. Ob die Spätfolgen früher zutagetreten, ist auch schwer einzuschätzen und hängt wesentlich vom Verlauf der weiteren Karriere ab. Aber die Gefahr von stärkeren Spätfolgen, beispielsweise Arthrose, ist meines Erachtens definitiv gegeben.
Sollten die Nachwuchskicker anders trainieren als ihre älteren Mitspieler?
Das macht für mein Empfinden nur wenig Sinn. Natürlich können jüngere Spieler durch spezifische Einheiten möglicherweise besser auf die zu erwartenden Spielsituationen vorbereitet werden. Andererseits sollen die jungen Spieler ja gerade mit den älteren Spielern in der Wettkampfsituation zusammentreffen, so dass ein getrenntes Training nicht die entsprechende Erfahrung bringen würde. Somit könnten nur zusätzliche Trainingseinheiten angeboten werden, was wiederum zu einer erhöhten Belastung führen würde.
Zu der erhöhten physischen Belastung kommt die psychische hinzu: Was macht Profisport mit einem Jugendlichen, dessen Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist?
Wie bereits angedeutet, bestehen in allen Phasen und auf allen Ebenen der körperlichen und emotionalen Entwicklung teils erhebliche Unterschiede bei den Jugendlichen. Es gibt sicher Spieler, die mit der psychischen Belastung auf dem Feld, der Konkurrenzsituation im Team und dem Druck aus dem Umfeld durch Presse oder Sponsoren gut zurechtkommen. Aber es gibt ebenfalls Spieler, die diesen Anforderungen nicht gewachsen sind und an internen oder externen Ansprüchen scheitern. Dementsprechend sollte das gesamte Umfeld dieser jugendlichen Spieler sensibilisiert sein, um frühzeitig einen Interventionsbedarf zu erkennen, die Spieler auch bei einem etwaigen Scheitern aufzufangen und psychische Schäden bis hin zum Suizid zu vermeiden.
Das Gespräch führte unser Mitarbeiter Dirk Kaiser.