Druckartikel: Nürnbergerin muss vor ihrem Mann ins Frauenhaus fliehen - kurz vor Fußball-Turnier

Nürnbergerin muss vor ihrem Mann ins Frauenhaus fliehen - kurz vor Fußball-Turnier


Autor: Isabel Schaffner

Nürnberg, Freitag, 25. November 2022

Am heutigen Freitag (25. November 2022) ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Beispiele von häuslicher Gewalt kennt das Nürnberger Frauenhaus viele. So eine Frau, die zu Fußballspielen furchtbare Angriffe erlebte.
Das Frauenhaus Nürnberg nahm eine Frau auf, der es vor allem vor Fußballspielen gegraust habe. Denn ihr Mann sei gerade dann gewalttätig geworden.


  • Nürnberger Frauenhaus berichtet über häusliche Gewalt zum Orange Day
  • Frau erleidet mehrere Wirbelbrüche durch Ehemann und flieht
  • "Nicht die eigene Unzulänglichkeit spüren": Was in Tätern vorgeht
  • "Auch Einschüchterungen sind Gewalt": So sollten betroffene Frauen reagieren

Am Freitag (25. November 2022) soll der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen oder Orange Day auf die vielen Gesichter von Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Ein alltägliches Thema für das Frauenhaus Nürnberg. Jährlich flüchten nach eigenen Aussagen 150 Frauen hierhin. Die Leiterin Barbara Grill berichtet von einer Betroffenen, die eine Querschnittslähmung fürchtete.

Ernsthaft bedrohte Frau findet Zuflucht in Frauenhaus Nürnberg - Mutter bekräftigt, Gewalt "gehöre dazu"

Gewalt hat laut dem Frauenhaus viele Erscheinungsformen. Eine davon ist die häusliche Gewalt. Grill vermisse diesen Begriff häufig in Medienberichten, sagt sie im Gespräch mit inFranken.de. "Oft wird es als Familienkonflikt oder -drama bezeichnet, als sei ein gleichwertiger Konflikt aus dem Ruder gelaufen und unklar, dass es einen Täter und ein Opfer gibt." Es sei stattdessen "Gewalt eines Partners gegen den anderen aufgrund des Geschlechts", führt sie aus. Es sei eben "kein Fehlverhalten der Frau", wenn sie Gewalt erlebt.

Grill erinnert sich an etliche Einzelschicksale. Viele Frauen erlebten über längere Zeit hinweg Gewalt durch den Partner und "sind irgendwann so bedroht, dass es langfristige Folgen hat oder sie mit dem Tod zu rechnen haben." Der Fall einer ehemaligen Betroffenen macht fassungslos. "Sie erfuhr jahrelang Gewalt durch ihren Mann. Immer nach Fußballspielen", so Grill. Sie habe mehrere Wirbelbrüche durch Angriffe ihres alkoholisierten Mannes erlitten. Bei vielen anderen Betroffenen sei aber auch kein Alkohol im Spiel, betont Grill.

Dann habe wieder eine Meisterschaft angestanden. "Sie hatte Angst, dass sie querschnittsgelähmt wird, wenn er sie noch einmal schlägt." Hinzu sei die harte Reaktion ihrer Mutter gekommen, die ihr eingeflößt habe, das gehöre dazu. Fast jede Frau erfahre Gewalt und man müsse zu den Zeitpunkten dann eben das Haus verlassen. Gegen die Aussagen ihres Umfeldes habe sich die Frau nach vielen Jahren Ehe zum Einzug ins Frauenhaus entschieden. "Inzwischen hat sie sich ein neues Leben ohne Gewalt aufgebaut", informiert die Leiterin.

Kontrolle, Spannungsabbau, Reue - so verläuft die Gewaltspirale

Was geht in solchen gewaltbereiten Partnern vor? Die Handlungen seien hauptsächlich auf die Gefühlswelt zurückzuführen, erklärt Grill. Es gehe oft darum, "nicht die eigene Unzulänglichkeit zu spüren, den Selbstwert herzustellen". Es brauche keinen Auslöser, nur die Anwesenheit der Frau führe schon zu Gewalt als Ventil, Spannung abzubauen. Häufig verlaufe der Prozess als Spirale. Diese beginne mit einer "psychischen Kontrolle und Macht". Die Spannung entlade sich anfangs mittels Beleidigungen und Erniedrigungen und später auch körperlicher Gewalt, die "sich immer weiter steigert", führt Grill auf.

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Danach äußere der Täter oft Entsetzen, Reue, Entschuldigungen, Liebesbekundungen und/oder Beteuerungen, dass er sich ändere. Das festige laut Grill sogar die Beziehung. Die Frau verzeihe so, suche überdies die Schuld bei sich, bis es zum neuen Gewaltausbruch kommt. Doch das Frauenhaus macht auf seiner Webseite deutlich: "Auch Einschüchterungen, Beleidigungen, Beschimpfungen oder Bedrohungen sind Gewalt, gegen die Sie sich wehren können!"

Bei akuter Bedrohung sollen sich Betroffene nicht scheuen, die Polizei zu rufen. Verletzungen sollten von Ärzten bestätigt werden lassen. Jederzeit könne eine Frau ihren Mann verlassen und von zu Hause ausziehen. Es entstünden keine rechtlichen Nachteile und Deutschland biete eine soziale Absicherung.

Plätze im Frauenhaus Nürnberg reichen nicht aus

Mit drei Wohnetagen mit jeweils sechs Zimmern kann das Frauenhaus Nürnberg nicht jede Betroffene aufnehmen. Es komme vor, dass die Frauen erst in Würzburg unterkämen. "Es gibt insgesamt zu wenige Plätze", findet Grill. "Auch für Frauen mit Körperbehinderung oder älteren Söhnen." Unter frauenhaus-suche.de finden sich bundesweite Frauenhäuser und Schutzwohnungen.

Zum Orange Day veranstaltet das Frauenhaus Nürnberg einen Behördenparcours, "um das Behördenchaos für Frauen, die wegen Gewalterfahrungen ausziehen oder beispielsweise einen Kinderzuschlag beantragen wollen, nachvollziehbar zu machen". 

Mehr über die verschiedenen Gesichter von Gewalt an Frauen und Hilfsmöglichkeiten findest du in unserem Übersichtsartikel.