• Nürnberg: Pflegekraft übt Kritik an "entsetzlichen Rahmenbedingungen" im Gesundheitswesen
  • Bereits vor der Corona-Pandemie habe die deutsche Politik den Personalabbau vorangetrieben
  • Ökonomisierung widerspreche den Idealen in der Pflege
  • Streiks: "Politik muss erkennen, dass sie in eine Katastrophe steuert"

Das Pflegepersonal in den bayerischen Kliniken ist aktuell überbelastet. Das sei allerdings nichts Neues, sagt eine Nürnberger Pflegekraft. "Sich nur auf das Desaster in der Corona-Pandemie zu berufen, finde ich falsch, denn wir liefen vorher schon am Limit." Die Politik mache es dem Personal im Gesundheitswesen äußerst schwer, diesen wichtigen und schönen Beruf mit Überzeugung auszuüben.

Tochter in der Intensivpflege: "Entmenschlichte" Szenen

Die Pflegekraft hat bereits in verschiedenen Klinik-Bereichen gearbeitet, allerdings nicht auf Intensivstationen. Doch ihre Tochter arbeite dort seit einiger Zeit. "Man nimmt viel mit nach Hause", habe sie ihrer Mutter berichtet. Es sei belastend, die Angst der Corona-Patient*innen und die schwierigen Möglichkeiten der Angehörigen, Abschied zu nehmen, mitzuerleben. Auch seien es "entmenschlichte" Szenen, wenn die Verstorbenen in Plastiksäcken herausgebracht werden. "Die Kliniken suchen händeringend nach Pflegekräften, deshalb wurde meine Tochter auch ohne Ausbildung eingestellt. Sie arbeitet in Teilzeit. Vollzeit hält kaum noch jemand aus."

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Laut der Nürnberger Pflegekraft gipfelt in dem Mangel und der Dauerbelastung des Pflegepersonals eine schon lange andauernde falsche Politik im Gesundheitswesen. Die Einführung der Fallpauschalen 2004 habe bereits einen Personalabbau verursacht. Davor wurde das Krankenhauspersonal tagesbezogen und nicht je nach Schwere der Krankheit bezahlt. Im internationalen Vergleich war laut Bundesgesundheitsministerium dabei die Verweildauer der Patient*innen in den Krankenhäusern sehr hoch. Seit 2004 ist dies anders: Mit dem DRG-Fallpauschalensystem sind die Vergütungen bei schwer kranken Patient*innen höher, als bei leichter erkrankten. Diese Pauschalen werden unabhängig von der Verweildauer gezahlt. Auch, wenn die Pflegekosten aus den Fallpauschalen im Jahr 2020 ausgegliedert wurden: Das Fallpauschalensystem sei ein bedeutender Aspekt von "entsetzlichen Rahmenbedingungen", findet die Pflegekraft.

Auf jeder Station, die die Pflegerin erlebt hat, seien dadurch Stellen abgebaut worden: "Durch diese Ökonomisierung, dadurch, dass wir wirtschaften müssen, wird eine vernünftige Versorgung der Bevölkerung nach wissenschaftlichen Standards mit guten Gesundheitsleistungen nicht mehr entsprechend bezahlt." Ihre Erfahrungen hätten ihr außerdem gezeigt, dass oft zu wenig Personal einzelnen Patient*innen zugeteilt werde. 

Streiks der Pflegekräfte: "Normalzustand schlimmer als jeder Streikzustand"

Die Politik habe also bereits vor Corona große Probleme eingeleitet und viele Pflegekräfte hätten dadurch das Handtuch geworfen und gesagt: "Wir können in keiner Schicht mehr unseren Idealen nachgehen. Mit dieser geringen Personalzahl können wir eine Versorgung, so wie wir es gelernt haben, nicht mehr gewährleisten." Durch die "Zusatzkrankheit" Corona, mit den strengen Hygienevorschriften in der Pflege, seien 2021 noch einmal einige gegangen.

In anderen Ländern werde "Pflege höher bewertet, oder wichtiger eingeschätzt", erklärt die Pflegekraft, die sich auch an Streiks beteiligt. Sie verweist darauf, dass Bewegungen nötig seien, um etwas zu ändern. So hätten Pflegekräfte der Charité Vivantes Berlin mit einem fünfwöchigen Streik erfolgreich einen Entlastungstarif durchgesetzt, in dem jede Station selbst definiere, wie viel Personal nötig sei, um eine gute Versorgung zu gewährleisten. "Ich vermute, dass es zu einem Flächenbrand kommt, wo solche Verträge durchgesetzt werden. Wenn die Politik jetzt nicht endlich erkennt, dass sie in eine Katastrophe steuert, weil immer weniger unter diesen Bedingungen weitermachen, wird es zu einem Desaster in den Krankenhäusern kommen."

Die Pflegekraft war 2020 an dem TvÖD-Streik beteiligt, wo es allerdings nicht um Entlastungen ging, wie sie bedauert. "Vorher gab es diesen riesigen Applaus und große Versprechungen und dann wurden wir einfach abgespeist mit einem Bonus, den nicht jeder bekommen hat. Nach dem Motto: Das reicht, ihr braucht nicht mehr Geld." Diese Nullrunde habe sie und ihre Kolleg*innen nach den vielen warmen Worten an sie als "Corona-Held*innen" "sehr empört". So gehe es derzeit den Beschäftigten der Länder. "Auch sie sollen abgespeist werden mit nichts." Streiks seien daher unumgänglich, denn "der Normalzustand ist schon schlimmer als jeder Streikzustand."

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