Nürnberg: Kinder von Fremden angesprochen - Soziale Medien schüren Eltern-Ängste
Autor: Agentur dpa
Nürnberg, Mittwoch, 03. Mai 2023
Fremde Männer haben Kinder in Nürnberg auf der Straße auf verdächtige Weise angesprochen, schreibt jemand in einer WhatsApp-Gruppe. Und plötzlich hört man von ganz vielen Fällen. Was steckt dahinter?
Ein fremder Mann, der Kindern auf dem Schulweg auflauert, ihnen Süßigkeiten schenkt und dann in ein Auto zerrt. Ein solches Szenario ist der Alptraum vieler Eltern - und gefühlt ist diese Gefahr ganz nah und lauert theoretisch überall. Denn über die sozialen Medien machen regelmäßig Berichte die Runde, dass sich jemand Kindern auf suspekte Art genähert hat oder ein verdächtiger Transporter vor einer Schule gesichtet wurde. Das verunsichert die Eltern und hat zum Teil auch Folgen für die Polizeiarbeit.
Beispiel Nürnberg: Bei der Polizei melden sich im Februar vermehrt Eltern, weil fremde Männer Kinder auf dem Schulweg angesprochen und ihnen zum Teil Süßigkeiten angeboten haben sollen. Die WhatsApp-Gruppen vieler Eltern laufen heiß, Gerüchte verbreiten sich, Schulen schreiben E-Mails an die beunruhigten Eltern, die Polizei fährt verstärkt Streife. Die Polizei ermittelt eigenen Angaben nach schließlich drei Männer, die für etwa ein Dutzend der Fälle verantwortlich sein sollen. Zu Straftaten kam es demnach aber nicht.
Kinder angesprochen: Gerüchte mit Folgen für Polizeiarbeit
Doch auch danach werden bei der Polizei noch verstärkt Verdachtsfälle gemeldet - aus dem ganzen Stadtgebiet bis ins angrenzende Fürth. "Das kommt immer in Wellen. Das ist ein Phänomen, das uns immer begleitet", erläutert Kriminalhauptkommissar Martin Richter, der bei der Polizei Mittelfranken für Prävention zuständig ist. Die Eltern alarmierten sich gegenseitig über die sozialen Medien, und dabei könne sich dann auch mal der Ort des Geschehens ändern.
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Beispiel Celle (Niedersachsen): Der Polizist Dirk Heitmann weiß als Vater selbst nur zu gut, welche Eigendynamik in den sozialen Medien entstehen kann, wenn Eltern um ihre Kinder fürchten. Letztens explodierten seine WhatsApp-Gruppen
nahezu. Mal hieß es, ein Kind sei in Celle angesprochen worden, mal hieß es, dass es in ein Auto gezogen worden sei. "Es bauscht sich auf. Zum Teil werden aus einem Fall irrtümlicherweise mehrere. Aus einem Ansprechen wird Anschreien oder Ins-Auto-Ziehen."
"Es bauscht sich auf": Nachrichten entwickeln Eigendynamik
In dem Fall wurde ein Achtjähriger im Februar auf dem Rückweg von der Schule von einem Autofahrer angesprochen. Der Junge trat in die Pedale und fuhr schnell nach Hause. Einen zweiten, ähnlichen Fall in der Zeit konnte die Polizeiinspektion nach Angaben von Heitmann aufklären: Ein Autofahrer hatte bei strömendem Regen einem 14-Jährigen angeboten, ihn nach Hause zu bringen. Da der Mann früher in der Straße gewohnt habe, habe er gedacht, der Junge habe ihn erkannt, erzählt Heitmann. "Viele Fälle können wir tatsächlich auflösen. Oft handelt es sich um Missverständnisse."
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"Die Motivation, Kinder anzusprechen, ist vielfältig. Selten ist die Intention eine sexuelle", berichtet der Nürnberger Polizist Richter. Dass ein Kind überfallartig in ein Auto gezerrt werde, sei extrem selten. Sexuelle Gewalt geschehe eher im Nahbereich. "Meist geht der Täter in Beziehung zum Kind, baut diese zum Teil über Monate auf." Auf Infoabenden an Schulen klären er und sein Team die Eltern über die tatsächlichen Gefahren auf - und appellieren auch an diese, sich an die Polizei zu wenden, statt Verdachtsfälle, Gerüchte oder gar eigenständig verfasste Fahndungsaufrufe über die sozialen Medien zu teilen.