Obdachlos in Nürnberg: André lebt auf der Straße, weil er andere nicht im Stich lassen will

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Der wohnungslose André Parusel (50) holt sich von Helferin Margit Balling eine warme Mahlzeit.
Andre Parusel und Margit Balling Obdachlos in Nürnberg
Milena Graf

Der 50-jährige André Parusel lebt seit 16 Jahren auf der Straße. Dennoch bleibt er - weil er die anderen Obdachlosen nicht sich selbst überlassen möchte.

André Parusel versucht, es sich in seinem Schlafsack gemütlich zu machen – trotz des Regens. Der 50-Jährige schläft in dieser Nacht am Aufseßplatz in Nürnberg. Dort ist er oft, zieht immer wieder von Schlafplatz zu Schlafplatz in der Metropole.

In dieser Nacht regnet es stundenlang. Es ist laut, das Prasseln des Regens direkt auf seinen Schlafsack lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Abschalten ist schwer. Das Plätschern bringt ihn immer wieder in Gang, treibt ihn zur Toilette. Der Wind weht, macht das Ganze noch ungemütlicher. Er ist durchnässt, trotz Schlafsack und Decken, erinnert er sich im Gespräch mit inFranken.de.

Wohnungsloser Mann in Nürnberg: "Bin seit 16 Jahren Schall und Rauch"

Das ist für ihn nichts Ungewöhnliches. Schlechtes Wetter und schlechter Schlaf sind nur eine von vielen Widrigkeiten im Leben eines Obdachlosen.

Dennoch entscheidet sich André seit 16 Jahren für ein Leben auf der Straße. "Ich müsste nicht obdachlos sein", das betont er immer wieder. Also was hält ihn dort?

"Ich kann die anderen nicht im Stich lassen. Dafür bin ich zu sozial, zu loyal veranlagt." Er sieht sich selbst als Kümmerer, als Verantwortlichen. "Ich bin 24/7 für alle da. Sobald einer was braucht, kriegt er das – Wissen, Geld, Information, Essen. Ich gebe mein letztes Hemd für die anderen."

Trennung von Frau warf ihn aus der Bahn – "nicht verkraftet"

"Die Unterstützung auf der Straße ist sehr, sehr großgeschrieben", erklärt er. "Wir stehen wie eine Mauer, wie eine Wand gegen alle anderen." Untereinander geben die wohnungslosen Menschen aufeinander acht – insbesondere, wenn Frauen Schutz suchen. Sie sind auf der Straße besonders gefährdet, was sexuelle Übergriffe angeht.

Umso wichtiger ist der Zusammenhalt. "Hier hast du Freunde von Herzen, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Wir stehen zueinander", betont André. Für ihn ist es etwas Grundsätzliches: "Ich habe die Menschlichkeit in den Menschen gefunden, die von anderen vorverurteilt werden." Es gebe viel zu viele Vorurteile über obdachlose Menschen. "Es gibt keine Dummen auf der Straße", versichert er. Die Leute hätten Berufsabschlüsse, aber eben keine Lust auf das System.

Das trifft auch auf ihm zu. Er ist eigentlich gelernter Installateur, hat einen Meistertitel. Bevor er auf der Straße lebte, war er verheiratet und hat Kinder aus der Ehe. Die Trennung von seiner Frau war es, weswegen er auf der Straße landete. "Das habe ich psychisch immer noch nicht verkraftet", gibt er zu.

Junge Obdachlose wie "Tochter" für André 

Die Menschen, die mit ihm gemeinsam auf der Straße leben, sind für ihn wie eine Ersatzfamilie, so wirkt es im Gespräch. Immer wieder kommen andere Obdachlose auf ihn zu, begrüßen ihn vertraut, fragen nach Sachen. Als es Essen gibt, trommelt er die anderen zusammen. "Meine Tochter", sagt er über eine junge, wohnungslose Frau – im übertragenen Sinne.

Die Gruppenbildung kann auch Probleme verursachen. Wenn zu viele wohnungslose Menschen an einem Ort verweilen, räume die Polizei oft den Platz, erklärt André aus eigener Erfahrung. Doch diese Gruppenbildung ist bitter nötig, vor allem als Schutz in der Nacht. Man werde oft angegriffen, beklaut oder belästigt. "Alleine schafft man es nicht."  Welchen Gefahren obdachlose Menschen ausgesetzt sind, zeigte unlängst auch ein Fall aus Würzburg.

Es ist das soziale Umfeld, das ihn in Nürnberg hält. Dort fühlt er sich wohl. "Ich kenne niemanden offiziell", meint er verschmitzt. "Aber mich kennen viele." Sogar manche Polizisten erkundigten sich gelegentlich nach ihm, fragten ihn, ob er etwas brauche. Auch von der Stadt komme "ein bisschen" Hilfe, etwa die Wärmestube oder die Heilsarmee. Eine Notunterkunft sei allerdings kein Zuhause, mahnt die Diakonie Bayern zum Tag der Obdachlosen (11. September).

Ehemalige Friseurin aus Nürnberg hilft nun Obdachlosen

Ganz besonders viel Unterstützung kommt von privater Seite, erklärt André. Eine dieser Unterstützerinnen ist Margit "Maggie" Balling. Sie kennt ihn und die Gruppe, schaut zwei- oder dreimal die Woche am Aufseßplatz vorbei und bringt selbstgekochtes Essen mit. Das finanziert sie zum Teil über Sachspenden von regionalen Betrieben, teils aus eigener Tasche. Dazu sammelt sie auch Geldspenden.

"Wenn man mal angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören", sagt Balling bei inFranken.de. "Hier schaut ja keiner hin." Balling war jahrelang selbstständig als Friseurin; nun bietet sie auch wohnungslosen Menschen Haarschnitte und Rasuren an.

Auch Andrés Begegnungen mit Passanten sind meist positiv geprägt. "Ich bekomme sehr oft ein gutes Feeling. Für Obdachlose ist es eine riesengroße Bestätigung, wenn die Leute uns ansprechen." Wenn man merke, dass man nicht abgeschrieben sei. "Wir sind kein Dreck."