"Was die Wohnungseinbrüche betrifft", sagt Karl Geyer, "kann man Bayern immer noch als Insel bezeichnen." Trotzdem hat der Leitende Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums Mittelfranken mitbekommen, dass die Einbruchszahlen auch im Freistaat angestiegen sind - alleine im Jahr 2013 um 11,8 Prozent. Deshalb hat Geyer natürlich nichts dagegen, dass das Software-Programm "Precobs" derzeit in München und Nürnberg getestet wird. "Wir können nichts verlieren, sondern nur gewinnen."

Mit "Precobs" soll es möglich sein, zukünftige Einbruchs-Delikte für einen bestimmten Bereich vorauszusagen. In Zürich wird das Programm seit Juli getestet. Mit Erfolg: Im Stadtbereich gingen die Wohnungseinbrüche um 14 Prozent zurück. In den besonders überwachten Gebieten sogar um 30 Prozent. "Für Mittelfranken können wir natürlich aktuell noch keine Prognose abgeben", sagt Geyer, der allerdings betont, dass "Precobs" kein Allheilmittel sei. "Aber es ist eine sinnvolle Ergänzung und kann uns dabei helfen, effektiver zu arbeiten."

"precobs" errechnet aus den erfassten Delikten Muster und leitet daraus Wahrscheinlichkeiten für künftige Einbrüche ab. Dazu hat das Bayerische Landeskriminalamt in Zusammenarbeit mit der Entwicklerfirma für München und Nürnberg die Vorfälle der vergangenen sieben Jahre eingepflegt. Je nach Einbruchshäufigkeit werden bestimmte Gebiete farbig eingekreist. Dort, wo die Prognosewahrscheinlichkeit bei 70 bis 80 Prozent liegt, wird das Gebiet rot markiert. Ereignen sich hier neue Delikte, schlägt das Programm Alarm.

Internationale Studien

Wie mit dem Alarm umgegangen wird, ist anschließend Sache des zuständigen Kriminalbeamten. "Er muss das dann individuell bewerten, es gibt keinen Automatismus." Wenn es die Personalsituation zulässt, kann beispielsweise eine Streife rausgeschickt und so die Einbrecher eventuell abgeschreckt werden. Denn: Internationale Studien belegen, dass es nach einem Einbruch in 75 Prozent der Fälle innerhalb weniger Tage in einem Radius von 500 Metern zu Folgedelikten kommt. Viele professionelle Einbrecher kehren an einen Tatort zurück, weil sie sich auskennen und hier Erfolg hatten. "Es gibt dafür zwar keine Gewähr. Aber wenn, wird die verstärkte Polizeipräsenz die Täter sicherlich abschrecken."

Selbst wenn die Polizei aufgrund der Ressourcen nicht dauerhaft vor Ort sein kann (Geyer: "500 Meter sind ein großes Gebiet"), sei die Information der Software nützlich. Beamte könnten beispielsweise bei einem Einsatz in unmittelbarer Nähe mit einem kleinen Umweg bewusst durch die zuvor gemeldete Zone fahren.

Nach den ersten vier Wochen will sich Geyer zwar noch nicht als "precobs"-Fan outen. Aber bei einem Gespräch in einem Büro der Nürnberger Polizei äußert sich der Leitende Kriminaldirektor "zuversichtlich, dass das, was das System verspricht, auch in Deutschland greifen kann". In knapp sechs Monaten wird das Landeskriminalamt die Ergebnisse der Testphase präsentieren.

Keine Hemmungen

Angst, dass die Einbrecher durch die aktuelle Medienoffensive ihre bevorzugten Gebiete bewusst meiden werden, hat man bei der Polizei nicht. "Zum einen wollen wir bewusst machen, dass wir uns kümmern. Und es geht das Signal an die Täter: Seid auf der Hut", so Geyer.

Auch wenn man sich von "Precobs" viel verspricht: Alleine darauf verlassen kann man sich in Zukunft nicht. Bei Einbruchsdelikten sei auch die Mitarbeit der Anwohner wichtig. Bei verdächtigen Wahrnehmungen, erklärt Robert Sandmann von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Mittelfranken, sollte man keine Hemmungen haben, die Polizei zu alarmieren. "Man wird nicht bestraft, wenn es ein falscher Alarm sein sollte. Die Polizei ist dankbar für jeden Hinweis. Eine flächendeckende Präsens können wir niemals bieten", betont Sandmann.


Maßnahmen

Bayern ist das erste Bundesland, das die Software "Precobs"einsetzt. In den USA und Großbritannien wird an ähnlichen Programmen bereits schon länger geforscht. Auch in der EU werden solche Projekte gefördert.

Die Software erfasst Einbrüche von Profi-Tätern, jedoch keine Beziehungs- oder Gelegenheitstaten sowie Beschaffungskriminalität von Drogensüchtigen. Auch personenbezogene Daten werden nicht erfasst. Es geht um Tatort, Tatzeit, Beute, Begehungsweise und ob es ein versuchter Einbruch war oder nicht.

Neben "Precobs" hat der Abschnitt Kriminalpolizei seit dem 1. Juli 2014 bereits die BAO WED (Besondere Aufbauorganisation zur Bekämpfung des Wohnungseinbruchdiebstahls) mit mit Sitz in Fürth errichtet. Damit verstärkt das Polizeipräsidium Mittelfranken unter Leitung von Georg Schalkhaußer alle präventiven und repressiven Maßnahmen. Die dezentralen Ermittlungen werden dabei immer von den regionalen Kriminalpolizeiinspektionen Ansbach, Erlangen, Fürth und Schwabach sowie für Nürnberg von dem Kriminalfachdezernat 2 geführt.