Mit einem Gesangswettbewerb will Nürnberg neue Meistersinger finden. Die Preisträger dürfen im nächsten Jahr gemeinsam mit den Staatsphilharmonikern auf dem Hauptmarkt auftreten. Mit Siegfried Jerusalem konnte laut Staatstheater-Intendant Peter Theiler einer der größten "Wagner-Tenöre der Welt" als Jury-Präsident gewonnen werden.


Nürnberg sucht Meistersinger

Gesucht werden sollen die neuen Meistersinger in der ganzen Welt. Der Sängerwettstreit startet im nächsten Frühjahr in sieben Weltstädten. In den berühmtesten Opernhäusern auf dem Globus sollen die Kandidaten vorsingen.
Die Vorauswahlen werden vom Bolshoi Theater in Moskau über Häuser in China und Brasilien bis zum Theatrè Champs Elysées in Paris stattfinden.

"Ich freue mich, die jungen Sänger bei den Vorauswahlen in der ganzen Welt zu hören", sagt Jury-Präsident Siegfried Jerusalem am Dienstag in Nürnberg. Überall gebe es fantastische Stimmen. "Was die jungen Leute damit machen, ist leider nicht immer so toll. Die jungen Sänger müssen auch den Text und den Sinn verstehen." Das ist zumal bei den Werken von Richard Wagner keine Kleinigkeit. Gerade für Sänger aus China, Korea oder Russland sei das wichtig. "Man muss eben doch ins gute alte Europa kommen, um das zu lernen."

Häufig wird Jerusalem gefragt, warum es so wenige deutsche Sänger gibt? Darauf hat die Bayreuth-Legende eine einfache Antwort. "Wir sind nicht so ein Riesenreich wie China. Dort studieren eben viel mehr junge Menschen den Gesang." Außerdem seien die Musikhochschule in Deutschland unterfinanziert. Jerusalem spricht aus Erfahrung. Der mittlerweile in Nürnberg lebende Star-Tenor war bis 2009 Präsident der Nürnberger Hochschule für Musik.

Beim Vorsingen sollen die Kandidaten übrigens nicht nur Werke von Richard Wagner zum Besten geben. "Wir möchten einen Wettbewerb begründen, in dem wir uns auf die Sänger-Tradition aus der Zeit Richard Wagners berufen", erklärt Peter Theiler, der Intendant des Nürnberger Staatstheaters, bei der Vorstellung des neuen Gesangswettbewerbes am Dienstag im Gluck-Saal des Opernhauses. "Brüll-Hilden" habe es zu der Zeit des berühmten Komponisten nicht gegeben. "Damals konnte Wagner auf Sänger zurückgreifen, die in der italienischen Gesangstradition geschult waren", sagt Theiler.

So berühmte Wagner-Partien wie der Amfortas aus dem Parsifal oder der Titelheld aus dem Lohengrin seien Paradebeispiele für diese lyrische Gesangstradition. Bedauerlicherweise, so Theiler, hätte im 20. Jahrhundert eine fatale Wende vom "Wagner- zum Sprechgesang" stattgefunden. "Klar, braucht es auch physische Kraft für Wagner-Partien. Aber wir brauchen keine Kraftmeierei", ist sich Theiler sicher, der die Idee zu dem Sängerwettstreit hatte.

Die musikalische Zielsetzung des neuen Meistersinger-Wettbewerbs verkörpere Jury-Präsident Siegfried Jerusalem, sagt Theiler. Noch mit 75 Jahren steht der berühmte Heldentenor aus Nürnberg auf den Bühnen der Welt. "Man muss langsam in Wagner hineinwachsen", sagt Jerusalem. "Mit 25 oder 30 kann ich das nicht." Als Sänger dürfe man sich nicht zu früh auf einen Komponisten festlegen. "Ein Dirigent schwingt ja auch bei Bach und Beethoven den Taktstock. Ein Sänger muss auch erst den Tamino aus Mozarts Zauberflöte und dann den Siegfried singen können." Vor diesem Hintergrund nimmt man es mit dem Alter beim neuen Nürnberger Wettbewerb nicht so eng. Die Kandidaten dürfen sogar schon die 40 hinter sich gelassen haben, um noch beim Gesangswettbewerb mitmachen zu dürfen. Aus Sicht des begnadeten Wagner-Tenors sei diese Entscheidung nur folgerichtig. "Man darf nicht mit Wagner anfangen, sondern man muss mit Wagner enden."

Für Generalmusikdirektor Marcus Bosch geht mit dem Sieger-Konzert auf dem Hauptmarkt "ein langer Wunsch" in Erfüllung. "Es ist ein Coup, dass das Final-Konzert am Vorabend des Bardentreffens stattfindet", sagt Bosch. Nun hofft man in Nürnberg auf zahlreiche Bewerbungen aus aller Welt bis zum 15. Januar. Den besten Sängern winkt ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro. In der Jury ist neben Jerusalem die Crème de la Crème der Opern-Szene vertreten.

Auch die Stadt der Meistersinger unterstützt den neuen Gesangswettbewerb. Freilich sei das nicht ganz einfach, weil die Meistersinger von den Nationalsozialisten auf das "böseste und übelste" benutzt worden seien, betont Kulturreferentin Julia Lehner. In diesem Bewusstsein will Nürnberg seine gute Stube am Vorabend des Bardentreffens den neuen Meistersingern aus aller Welt zur Verfügung stellen.