Vielfach vergrößerte Fotos als Wandtapete? Meisterhafte, pixel-freie Kunstwerke? Oder...? Man muss sehr genau hinsehen, um die fein und detailliert gestalteten, farbenfreudigen Werke als Gemälde zu erkennen. Der Künstler ist der 1954 in Bayreuth geborene und immer noch eng mit seiner oberfränkischen Heimat verbundene Hans Dieter Tylle (heute Fuldatal/Kassel). Er hat sich großformatigen Gemälden auf Leinwand verschrieben. Seine unverwechselbaren Industriedokumente haben ihm in Fachkreisen das Attribut "Chronist der Arbeitswelt" eingebracht.
Unter dem Titel "Luft - Wasser - Schiene - Straße" präsentiert das DB-Museum Nürnberg unweit des Hauptbahnhofs in einer Sonderausstellung noch bis Ende März insgesamt 32 Tylle-Werke. Und zwar dort, wo im Haupthaus und auf dem Freigelände historische Schienenfahrzeuge, die legendäre 1:10-Modellsammlung, eine riesige Modellbahnanlage, das Kinder-Bahnland und ein Dokomentationszentrum jährlich bis zu 150 000 Besucher anlocken.

Der Künstler ist erstmals in die Welt der Eisenbahn eingetaucht. In der Heimatstadt des ältesten Museumsprojekts der Welt für Schienenfahrzeuge widmet sich Tylle zum Beispiel Arbeitsschritten im Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn am Nürnberger Hasenbuk. Akribisch dokumentiert er anfallende Instandhaltungsarbeiten - für Autos vergleichbar mit dem TÜV - an einem modernen Regionaltriebwagen der Baureihe 425, zur planmäßigen Inspektion losgelöst vom Drehgestell, über einer in den Hallenboden eingelassenen Arbeitsgrube.
Bis ins Detail hat der Künstler seine vielfältigen Eindrücke moderner Transportwelten eingearbeitet. Herabhängende Leitungsverbindungen und große Kartonstapel mit gerade angeliefertem Ersatzteilnachschub hat er ebenso wohl proportioniert platziert, wie einen am Nachbargleis bereitstehenden Mittelwagen der Nürnberger S-Bahn. An der blitzblank gewaschenen, regioroten Außenhaut spiegelt sich die Szene, bis hin zu Sicherheitsmarkierungen im Hallenboden.

Ganz spontan versucht der Betrachter den Vergleich mit einer Fotodokumentation herzustellen. Aber die Kurzbeschreibung lautet nur: Oel auf Leinwand. 90 mal 120 Zentimeter. Im Besitz des Künstlers.
Im gleichen Format wird ein detaillierter Blick in die ebenfalls in Nürnberg angesiedelten regelmäßigen Wartungsarbeiten für ICE-Triebwagen der ersten und zweiten Generation gewährt. Die geöffnete Frontpartie des weiß lackierten Flitzers mit umlaufender roter Bauchbinde ist ebenso zu sehen wie Prüfungsabläufe, Sicherheitsketten, Krananlagen, Steigleitern oder geordnet bereitstehende Ersatzteile.
Ebenso, wie es Veränderungen im Motivspektrum gab, hat sich Tylles Arbeitsweise im Laufe der Jahre gewandelt. "Früher habe ich eine Woche lang vor Ort Eindrücke von Menschen in der Arbeitswelt gesammelt und hoch komplizierte Details in Skizzen festgehalten", schildert der Künstler im Interview mit dem "Fränkischen Sonntag". "Dann habe ich alles im Atelier ausgewertet und schließlich festgelegt, was im Gemälde darzustellen ist." Heute sei es viel einfacher, den ersten Eindruck technischer Details ohne verklärende Nostalgie im digitalen Foto festzuhalten und nach einer Vorstudie auf Leinwand zu realisieren.

"Ich möchte mit meinen Bildern die moderne Arbeitswelt der Menschen dokumentieren", sagt H. D. Tylle. "Damit erreiche ich jene, die sich für Kunst interessieren, aber die Umstände der industriellen Arbeitswelt nur am Rande kennen. Und jene, die in den Fabriken arbeiten, sich aber normalerweise nicht für Kunst interessieren."
Das Leistungsspektrum des Künstlers umfasst nach 35-jährigem Wirken inzwischen rund 1500 großformatige Werke. Vorzugsweise mit Motiven, die Historie und Gegenwart des deutschen und internationalen Industriealltags einfangen, beziehungsweise die Mobilität und den dynamischen Wandel der Arbeitswelt. Dazu gehören für den "Chronisten der Arbeitswelt" unter anderem markante Brücken- und Straßenbauten, Industrieruinen, Containerhafenanlagen sowie spannende Szenen aus international aufgestellten Unternehmen wie Werftbetrieben (Meyer), Autofabriken (VW, BMW), Bergbau- (Kali & Salz), Elektro- (Siemens) und Chemie-Unternehmen (BASF, Knaufgips). Sogar einen Flugzeughangar (Airbus) und Stahlkocher (Klöckner, Salzgitter) hat Tylle besucht. Zu seinem Gesamtwerk zählen aber auch eindrucksvolle Landschaften, die Tylle mit der ihm eigenen, impressionistisch anmutenden Bildsprache realistisch auf Leinwand bringt.

Seit 2002 ist er alljährlich für mehrere Monate in den USA präsent. Dort schuf er sein mit 560 x 420 Zentimetern bislang größtes Werk für ein Kernforschungscenter. Und er fand "über dem großen Teich" mit den Ereignissen des 9. November einen vollkommen neuen Themenkreis.
"Tylle sucht für seine Werke Orte, an denen sich die industrielle Produktion unserer Zeit in spektakulärer Weise vollzieht. Sein Wirken knüpft damit an die Industriemalerei des Realismus im 19. Jahrhundert an", würdigen Museumsdirektorin Russalka Nikolov und Kurator Dr. Rainer Mertens unisono das umfangreiche Schaffensspektrum.
Was liegt da näher, als Ausstellungen in namhaften Museen zu organisieren? Darunter sind der Kunstverein Bayreuth, das Rheinland Industriemuseum Oberhausen, die Galerie Max 21 in Iphofen, der Kunstverein Coburg, die Galerie Rose Hamburg, das Kern Center Milwaukee, der "Martin Grobiusbau Berlin", das Deutsches Bergbaumuseum Bochum oder die Städtische Galerie Erlangen.
Selbstverständlich ist eine Vielzahl der von H. D. Tylle geschaffen Werke käuflich zu erwerben. Zur Nürnberger Sonderausstellung sind ein Begleitband und hochwertige Kunstdrucke der ausgestellten Ölgemälde im Museumsshop erhältlich.