Pizzeria hier, Osteria dort: In Nürnberg muss niemand lange suchen, um ein italienisches Restaurant zu finden. Nun titelte die Lokalzeitung kürzlich: "Nürnberg ist eine Mafia-Hochburg". Hintergrund der Schlagzeile ist eine aktuelle Parlamentsanfrage der grünen Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze. "Besorgniserregende Fakten" über die Mafia in Bayern habe Schulze herausgefunden, hat die 33-jährige Innenpolitikerin aus München in einer Pressemitteilung kürzlich geschrieben.

"Ich finde, über die Mafia in Bayern wird zu wenig geredet", sagt Katharina Schulze gegenüber diesem Medienhaus auf Anfrage. Die Mafia mache in Bayern mit illegalen Geschäften wie dem Drogenhandel und der Geldwäsche riesige Profite. Das Schadens- und Bedrohungspotential der Organisierten Kriminalität (OK) aus Italien sei hoch. Im Jahr 2016 habe es im Vergleich zum Jahr 2015 eine deutlich gestiegene Schadenssumme von rund 61 auf 171 Millionen Euro gegeben, warnt Schulze und fordert die Staatsregierung gleichzeitig auf, das Problem stärker in den Blick zu nehmen. Der Freistaat müsse entschiedener gegen Mafia-Hochburgen vorgehen. Neben München und Augsburg sei Nürnberg ein Zentrum der italienischen Mafia.


Besonders aktiv: die kalabrische "Ndrangheta"


Über diesen Befund seiner Heimatstadt hat sich Rainer Nachtigall, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft aus Nürnberg, etwas gewundert. "In Nürnberg hat man nicht das Gefühl, in einer Mafia-Hochburg zu leben." Laut Erkenntnissen der bayerischen Sicherheitsbehörden wohnen derzeit genau 136 Mafiosi in Bayern. Diese Zahl geht aus der Antwort auf die schriftliche Anfrage der grünen Landtagsabgeordneten hervor. Besonders aktiv sei die kalabrische "Ndrangheta". In Bayern würden aktuell rund 80 Personen diesem Zweig der italienischen Mafia zugeordnet. In den letzten beiden Jahren habe sich deren Zahl um etwa 10 Prozent erhöht.

"Die Zahlen zeigen, dass es Handlungsbedarf gibt bei der Bekämpfung der OK in Bayern", findet Schulze und kündigt an, demnächst auch mit parlamentarischen Anfragen mehr über die albanische, türkische und russische Mafia in Bayern herausfinden zu wollen. Die bandenmäßig organisierten Bösewichte seien international immer enger vernetzt. Schulze will mit ihrem Vorstoß zur italienischen Mafia nicht ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisieren. "Nicht jeder Pizzabäcker ist bei der Mafia", stellt Schulze klar. Politisch geht es ihr wohl darum, die Grünen in der Innenpolitik stärker zu positionieren. Neben der Bildungs- ist die Innenpolitik das zentrale Landesthema, mit dem man auch Wahlen gewinnen kann. "Wir wollen die CSU aber nicht rechts überholen", versichert die grüne Abgeordnete. Panik wolle sie mit ihrer Mafia-Anfrage nicht verbreiten. "Bayern ist schließlich ein sicheres Land", sagt Schulze.


"Brauchen mehr Spezialisten"


Rainer Nachtigall von der Polizeigewerkschaft kann der Debatte um die wachsende Mafia-Gefahr und der vermeintlichen Mafia-Hochburg in seiner Heimatstadt trotzdem etwas abgewinnen. "Wir brauchen nicht nur mehr Streifenpolizisten, wir brauchen auch mehr Spezialisten beispielsweise beim Landeskriminalamt", fordert Nachtigall. Grundsätzlich unternehme der Freistaat derzeit sehr viel, um die Polizei personell zu verstärken. Allerdings würden davon verstärkt die Polizeiinspektionen profitieren. Die Spezialabteilungen hätten häufig das Nachsehen.

Nachtigall erklärt sich diese Entwicklung mit Vorgaben der Politik. Die regierende Partei wolle das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger verbessern, indem mehr Polizisten in den Streifendienst entsandt werden. Mit dem Haken, dass die Zentraleinheiten beispielsweise zur OK-Bekämpfung nicht in gleichem Umfang von den zahlreichen Neueinstellungen bei der Polizei profitieren. Diese Entwicklung könne langfristig negative Folgen haben. "Die Mafia macht keine Pause, nur weil wir eine Flüchtlingsproblematik haben", bringt Nachtigall das Problem auf den Punkt und fordert, dass die vielen neuen Polizisten in Bayern nicht nur auf Streife geschickt werden, sondern auch als Spezialisten beispielsweise zur Bekämpfung der Mafia verstärkt eingesetzt werden.


Info-Box: Die Mafia in Bayern


Zahlen Genau 136 Mafiosi mit dauerhaftem Wohnsitz in Bayern sind den Behörden im Freistaat bekannt. Davon würden aktuell rund 80 Personen dem kalabrischen Zweig der italienischen Mafia, der Ndrangheta, zugeordnet. In den letzten beiden Jahren habe sich deren Zahl um etwa zehn Prozent erhöht. Diese Zahlen gehen aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der bayerischen Landtagsabgeordneten, Katharina Schulze (Grüne), hervor.

Geschäfte Die Familienclans von Camorra, Cosa Nostra oder Ndrangheta betätigen sich in Bayern im Rauschgiftgeschäft und handeln dabei hauptsächlich mit Kokain. Außerdem betreiben sie Geldwäsche und Steuerkarusselle. Hinzu kommen Eigentums- und Fälschungsdelikte.

Mafia-Hochburg Nürnberg wird als ein Zentrum der Mafia in Bayern benannt. Neben der Ndrangheta sollen hier auch Mitglieder der Camorra ihren illegalen Geschäften nachgehen. Laut Innenministerium ist Camorra in der Gastronomie aktiv und investiert teilweise auch in diese. Neben Nürnberg sind Augsburg und München weitere Mafia-Zentren in Bayern.

Internet Die komplette Anfrage der grünen Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, zum Thema "Mafia in Bayern" finden Sie im Internet.