Ein Buch bewegt die Menschen im Aischgrund und zieht sie in ihren Bann. Das Werk "NS-Hochburg in Mittelfranken" des Historikers Wolfgang Mück. Es legt offen, wie die Kreisstadt Neustadt/Aisch bereits in den frühen 1920er Jahren zu einem nationalsozialistischen Vorreiter wurde.

Das spannendste Kapitel in dem Buch sind denn auch die Kurzbiographien jener, die am Aufbau der späteren Schreckensherrschaft mitgewirkt hatten. Mutig nennt der 76-jährige Mück Namen und Taten der Neustädter NS-Hetzer. Damit setzt er ein Zeichen gegen das Verdrängen und macht Geschichte erlebbar. Eckart Dietzfelbinger vom Nürnberger Dokumentations-Zentrum Reichsparteitagsgelände lobt: "Ein solches Werk zum Thema hat es in dieser Form bisher nicht gegeben." Im Interview spricht Wolfgang Mück über Neustadts braune Karriere zur Musterstadt der NS-Bewegung und wie die Menschen mit seinen Enthüllungen umgehen.

Wie kam es zu diesem Buch?
Wolfgang Mück: Die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit liegt in meiner Herkunft als Heimatvertriebener begründet. Als Junge habe ich die letzten Kriegsjahre bewusst erlebt und vor allem auch als Schüler später die Nichtbewältigung mit der Zeit des Dritten Reichs. Als Lehrer merkte ich schließlich, wie wichtig es ist, die lokale Geschichte aufzuarbeiten. Anfang der 90er Jahre kam ein älterer Neustädter zu mir, der mir ein verschnürtes Paket auf den Tisch legte. Darin befand sich die Chronik der örtlichen NSDAP. Zu meiner großen Überraschung hat sie ein späterer SPD-Bürgermeister verfasst, der wohl in seinen jungen Jahren ein Anhänger der Bewegung war. Geschichte darf nicht immer nur allgemein dargestellt werden, sondern muss auch vor Ort sichtbar werden, daher das Buch.

Hatten Sie keine Bedenken, die Namen der nationalsozialistischen Anhänger in Neustadt zu nennen?
Eigentlich nicht, Hemmungen aber schon. Doch Geschichte wird von Menschen gemacht, daher ist es wichtig, auch Namen zu nennen, um die Schrecken richtig zu begreifen. Es gab bei den Recherchen zu diesem Buch auch Widerstände, denn manche Angehörige oder Zeitzeugen wollten nicht mit mir sprechen und selbst Freunde warnten mich und fragten, warum ich mir das antun wolle. Manche haben diese Vergangenheit und die Schuld der Vorfahren bis heute verdrängt.

Warum war Neustadt so eine frühe Keimzelle der NSDAP?
Es war vor allem auch ein Zusammentreffen von verschiedenen Personen, die überaus aktiv die völkische Bewegung unterstützt haben. Frühere Weltkriegsteilnehmer, die militärischen Drill kannten und enttäuscht über den demokratischen Umbruch Ende 1918 waren. Hinzu kommen niedere Beamte und vor allem auch protestantische Pfarrer, die Adolf Hitler als einen Heilsbringer ansahen. Alle investierten enorm viel Zeit in den Aufbau der Parteiorganisation, führten einen kompromisslosen Kampf um die Meinungsführerschaft und die politische Macht. Die junge NSDAP erzielte in Regionen wie der fränkischen Provinz ihre größten Erfolge. Exemplarisch sind hier eben Neustadt/Aisch aber auch die Region rund um Coburg zu nennen. Von Coburg ausgehend hatte die NSDAP in rascher Folge nicht nur in Oberfranken, sondern auch in Mittelfranken Fuß fassen können.

Wie war das gesellschaftliche Klima in der damaligen Zeit?
Die Stimmung war sehr aufgeheizt. Sogar in der Kleinstadt Neustadt mit nicht einmal 5000 Einwohnern kam es zu Straßenkämpfen zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten, kleinere Schießereien inbegriffen. Nürnberger Nazis überfielen ungeniert linke Aktivisten in der Wilhelmstraße und verprügelten sie.

Als Hitler im August 1923 in Neustadt sprach, strömten über 20 000 Menschen ins Städtchen, feierten zwei Tage lang die junge Partei. Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis?
Es war ungeheuerlich, verschaffte der NSDAP einen großen Schub. Die Mitglieder der Ortsgruppe waren bis zu drei Tage pro Woche für die Sache der Partei unterwegs. Sie waren wohl damals selbst überrascht vom großen Erfolg der Veranstaltung, mussten mehr Quartiere als gedacht für die Gäste organisieren. Sogar aus Württemberg kamen die Menschen damals in den Aischgrund. Als aber kurze Zeit später die NSDAP nach dem missglückten Hitler-Putsch verboten wurde, machten viele Anhänger der Neustädter Ortsgruppe weiter, gründeten eine Nachfolgeorganisation und hielten militärische Übungen in den Wäldern ab.

Wie tiefgreifend hat der Nationalsozialismus die Stadt geprägt?
Es gab durch die Aktivisten und deren Tätigkeiten einen enormen sozialen Druck auf den Rest der Bevölkerung, auch die Partei zu unterstützen. Viele fürchteten ihren Absturz, wenn sie sich der NSDAP verweigerten. Nur wenige widersetzten sich und machten weiter Geschäfte mit Juden, wurden dafür aber öffentlich in Zeitungsanzeigen an den Pranger gestellt. Frauen dagegen spielten in der Partei nur eine untergeordnete Rolle. Sie waren lediglich als Helferinnen oder Mütter gefragt.

Was geschah nach dem Kriegsende in Neustadt/Aisch?
Die übergroße Mehrheit der Bürger hat einfach den Mantel des Schweigens über die braune Vergangenheit gelegt. Die Menschen beschäftigten sich damit, ihre Existenzen neu zu ordnen. Die Entnazifizierungsverfahren empfanden die Täter als Unrecht. Die alten Kameraden der NSDAP-Ortsgruppe hielten zusammen, waren auch Jahrzehnte nach Kriegsende stramm rechts. Es gibt keinen prominenten Neustädter Parteimann, der sich später von seiner NS-Vergangenheit distanzierte.

Was können oder sollen die Leser Ihres Buches lernen?
Die Vorstellung von der Geschichte als eine Art Lehrmeister ist sehr optimistisch, denn Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Beschäftigung mit ihr kann vielleicht dazu führen, dass wir sensibler mit den heutigen Ereignissen in Deutschland umgehen. Ich bekomme zudem seit der Veröffentlichung des Buches "NS-Hochburg in Mittelfranken" viele Anrufe älterer Leute, die ihr Schweigen endlich brechen. Es ist etwas in Bewegung gekommen, das zeigen mir auch die Diskussionen bei meinen Lesungen.

Das Gespräch führte Peter Groscurth