Auf der Anhöhe südlich der Kronacher Straße erhob sich einst, weithin sichtbar, der Galgen von Lichtenfels. In Analogie zu anderen Gerichtsorten dürfen wir annehmen, dass er aus mehreren Steinsäulen bestand, über die man Querbalken legte. Hier wurden zum Erhängen verurteilte Straftäter aufgeknüpft. Auch Hinrichtungen mit dem Schwert fanden beim Galgen statt, und wenn ein Dieb eine Prügelstrafe erhielt, wurde er an derselben Stelle mit einem Rutenbündel "ausgestäupt".

Auch Menschen, die sich im vollen Bewusstsein selbst das Leben genommen hatten, wurden beim Richtplatz verscharrt. Anders als der Staffelsteiner Heimatdichter August Hofmann mit seinem Roman "Der Henker von Lichtenfels" von 1929 nahelegt, gab es nie einen Henker vor Ort. Wenn eine Hinrichtung anfiel, holte man den "Nachrichter" aus Bamberg. Gerade im späten 16. und im 17. Jahrhundert kam dies häufig vor. Der Henker Franz Schmidt († 1634) erwähnt in der Liste seiner Delinquenten für das Jahr 1575 einen in Lichtenfels mit dem Strang gerichteten Dieb. Auch 1598 wurden hier zwei Diebe auf die gleiche Weise zu Tode gebracht. Im 18. Jahrhundert war die Richtstätte dann kaum noch in Gebrauch; sie wurde zum bloßen Rechtssymbol. Auf den einstigen Standort des Galgens verwies noch im 19. Jahrhundert, als er längst Vergangenheit war, der Flurname "Schindgraben" für den Bereich zwischen Müßigerstraße und Rennleinsweg. Dieser Name deutet auf einen Platz, an dem der Schinder (Abdecker) tierische Kadaver vergrub. Der Höhenzug im Südosten der Stadt war lange unbebaut. 1803 wurde dort oben der neue Friedhof angelegt und in der Folge mehrmals erweitert. Erst ab 1935 wurde in dem Areal, das, von der Kernstadt aus gesehen, jenseits des Friedhofs lag, an der Stelle des einstigen Richtplatzes, mit Wohnhäusern bebaut. Die neue Straße in Verlängerung des Friedhofswegs erhielt einen zeittypischen Namen: Sie wurde nach Horst Wessel (1907-1930) benannt. An der Horst-Wessel-Straße standen 1937 erst vier Wohnhäuser, alle auf der südlichen Straßenseite (Nr. 4, 6, 8 und 10). Drei davon gehörten Beamten. Nach dem Ende des NS-Regimes wurden die nach Nazigrößen benannten Straßen umgetauft. In der Regel erhielten sie ihren alten Namen zurück. Die Horst-Wessel-Straße aber hatte von ihrer Entstehung an so geheißen. Man brauchte also eine neue Bezeichnung und fand sie, indem man sich an die ehemalige Richtstätte erinnerte. Die Straße hieß fortan "Hochgerichtsstraße" - nach dem Ort, an dem die hohe Gerichtsbarkeit über Leben und Tod ausgeübt worden war. Nach sechs Jahren wurde die Straße erneut umgetauft. Am 24. August 1951 beschloss der Stadtrat, sie solle fortan nach dem eine Woche zuvor verstorbenen Bürgermeister Dr. Julian Wittmann heißen. Aus der Hochgerichtsstraße wurde also die Dr.-Wittmann-Straße. Als sie einige Jahre später eine neue Seitenstraße Richtung Norden erhielt, bekam 1958 diese Sackstraße die Bezeichnung "Hochgerichtsstraße". So gibt es also in diesem erst vor 82 Jahren erschlossenen Gebiet zwei Besonderheiten: Die Dr.-Wittmann-Straße hatte drei unterschiedliche Namen, und der Name "Hochgerichtsstraße" wurde für zwei unterschiedliche Straßen verwendet.

Der heutige Namensgeber Dr. Julian Wittmann kam 1891 als neuntes Kind eines Bauern in Buchberg südlich von Neumarkt zur Welt. Seine politische Heimat fand er in der katholisch geprägten Bayerischen Volkspartei (BVP). Als BVP-Funktionär wurde er nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zweimal verhaftet. Nach dem Ende des NS-Regime setzte ihn die amerikanische Militärregierung am 23. Juli 1945 als kommissarischen Bürgermeister in Lichtenfels ein. Wittmann blieb zeitlebens in der Burgkunstadter Bahnhofstraße wohnen und pendelte in seinen Dienstort. Bei der Bürgermeisterwahl durch den Stadtrat Lichtenfels am 30. Januar 1946 wurde er ohne Gegenstimme im Amt bestätigt. Wittmann gehörte der Verfassunggebenden Landesversammlung in Bayern an, einer Art Vorparlament, und er wurde am 1. Dezember 1946 als Direktkandidat der CSU in den ersten Nachkriegs-Landtag gewählt. Am 17. August 1951 starb Wittmann überraschend im Lichtenfelser Rathaus in den Armen seines 2. Bürgermeisters und späteren Nachfolgers Hans Unrein. Zu seiner Beisetzung erschienen namhafte Vertreter der CSU wie Josef Müller, Alois Hundhammer und Prälat Georg Meixner.