Dominik ist acht Jahre alt und hat gerade gelernt, dass Metall Strom leitet und Plastik nicht. Anhand einer Batterie und eines Lämpchens haben er und die anderen Kinder das vor Augen geführt bekommen. Dominik besucht die Hochstadter Schule nur an vier Tagen in der Woche und bekommt auch während eines Vormittags manchmal eine Auszeit in einem separaten Raum neben dem Klassenzimmer eingeräumt.

Eigentlich ist der Junge Schüler der Regens-Wagner-Schule Burgkunstadt, einem Förderzentrum mit Schwerpunkt geistige Entwicklung. Seit Schuljahresbeginn sind beide Einrichtungen über das Projekt "Partnerklasse" miteinander verbunden. Eine Gruppe von sieben Kindern nimmt in Hochstadt aktiv am Schulleben teil - zum größten Teil, aber nicht nur in der 3b. Die Kinder mit geistiger Behinderung werden dabei von einer sonderpädagogischen Lehrkraft und zwei weiteren (Pflege-)Kräften nach Hochstadt begleitet.

Englisch und Musik haben alle Kinder gemeinsam, Sachunterricht auch, "wenn es vom Thema her passt", wie Manuela Wickles, die Klassenlehrerin aus Burgkunstadt, erläutert. Klar, die Wissensvermittlung schreitet in der Regelgrundschule schneller voran, als es den Förderschülern möglich wäre. Um diese Unterschiede auszugleichen, gibt es gesonderte Aufgabenstellungen oder Übungseinheiten in einem separaten Raum. Der Unterricht in Deutsch und Mathematik findet ohnedies getrennt statt.


Eltern waren anfangs skeptisch


Aus der Elternschaft der nicht behinderten Kinder waren zu der Idee eines gemeinsamen Unterrichts mit geistig behinderten Kindern anfangs auch kritische Stimmen zu hören. Doch gerade das Zwischenzeugnis dürfte manche Sorge genommen haben. Schulleiterin Margarete Greich-Hewera zeigt großes Verständnis für die Nachfragen, die auch nach einem halben Jahr immer wieder einmal kämen. "Die Eltern sehen hauptsächlich den Lernfortschritt ihrer Kinder." Durch intensive Gespräche habe man aber solche Sorgen nehmen können.

Sandra Lindner, Mutter eines Jungen aus der 3b, findet, dass daran auch der Hochstadter Klassenlehrer Stefan Schmeißner einen wichtigen Anteil hat, gerade wenn es um unterschiedliche Lerninhalte ging: "Er hat das gut gelöst und gut eingeteilt." Lindner räumt ein, anfangs auch über mögliche Probleme nachgedacht zu haben. Doch schon die gemeinsame Weihnachtsfeier, die man für die partnerschaftliche Klasse organisiert hatte, habe gezeigt, wie positiv der Umgang miteinander ist - auch über den Unterricht hinaus. Man helfe sich gegenseitig, spiele in der Pause miteinander. Sie finde es ganz wichtig, Menschen mit Behinderung frühzeitig in die Gesellschaft zu integrieren, betont die Mutter.


Schule trägt zur Werteerziehung bei


"Es ist ja auch unsere Aufgabe, zur Werteerziehung beizutragen", sagt Schulleiterin Greich-Hewera. Im Umgang mit den behinderten Kindern lernten nicht behinderte wohl auch die eigenen Fähigkeiten mehr zu schätzen, sie erlangten soziale Kompetenz. Anderen Menschen Respekt und Toleranz entgegenzubringen, sieht sie als wichtigen Erziehungsauftrag an. Und merkt an, dass sie sich das Zusammensein sehr viel schwieriger vorgestellt habe: "Es klappt sehr gut!" Kein einziger Fall von diskriminierendem Handeln sei an ihr Ohr gedrungen.

Besonders freut es die Schulleiterin, dass die Partnerschaft nicht nur auf die eine Klasse beschränkt ist. Die Gruppe der Regens-Wagner-Schüler nehme aktiv am Schulleben in Hochstadt teil. Im Moment werde ein Kunstprojekt der Förderschüler mit einer zweiten Klasse vorbereitet. Frühlingsblumen werden dabei im Fokus stehen. Die Lehrkraft der Regens-Wagner-Schule, Manuela Wickles, sei selbstverständlich bei Teambesprechungen des Hochstadter Lehrerkollegiums dabei.

Die Kinder machen sich um pädagogische oder organisatorische Fragen keine Gedanken. Sie leben das Miteinander einfach. Ja, es gibt freundschaftliche Verbundenheit zwischen den Hochstadter Kindern und denen, die im Regens-Wagner-Heim wohnen - auch wenn das wegen der unterschiedlichen Lebenssituation und des unterschiedlichen Wohnortes an Grenzen stößt. Nach Schulschluss fahren die einen im Kleinbus wieder nach Burgkunstadt, während die anderen heim zu ihren Familien gehen.


Koordination wird gefördert


Das gemeinsame Lernen finden jedenfalls beide Seiten gut. Wenn Lehrer Schmeißner im Englischunterricht mit allen zusammen das Körperteile beschreibende Lied "Head Shoulders Knees And Toes" ("Kopf, Schultern, Knie und Zehen") einübt, kommt Bewegung in die Partnerklasse. Beim Singen wird das vom englischen Wort her neu erlernte Körperteil gezeigt. Das geht sehr flott und verlangt einem in Sachen Koordination einiges ab. Der eine schafft das präziser, der andere ist noch mit den Händen an den Schultern, während die anderen schon in die Hocke gehen. Aber Spaß haben alle dabei, das sieht man an den Gesichtern.

Während die Regelschüler der 3b im Anschluss die Vokabeln von der Tafel abschreiben, schneiden die Kinder der 3G (für "Grundschulstufe" der Regens-Wagner-Schule), die noch nicht selbstständig schreiben können, die passenden Bilder aus einem Bogen aus. Niemand scheint sich an dieser unterschiedlichen Aufgabenverteilung zu stören. Und Leonie beweist, dass sie verstanden hat, worum es geht. Im Brustton der Überzeugung sagt das Mädchen aus der 3b über ihre neuen Klassenkameraden aus Burgkunstadt: "Das sind genauso Kinder wie wir. Nur ein bisschen behindert."