Die neue Wohnstraße auf dem ehemaligen Hemden-Rost-Gelände erhält den Namen eines NS-Opfers.
Zum ersten Mal in der Stadtgeschichte wird eine Straße nach einem Opfer der Nationalsozialisten benannt. Die neue Wohnstraße auf dem ehemaligen Hemden-Rost-Gelände erhält den Namen von Sofie Seliger, die am 10. November 1938 von den Nazis schwer misshandelt wurde und deren Leiche man knapp vier Wochen später am Alten Main fand.
Die Namensgebung entschied der Bauausschuss in seiner Sitzung am Dienstagabend. Allerdings ging der Abstimmung eine längere Diskussion voraus, und sie fiel nicht einstimmig aus. Aber der Reihe nach.
Vor Zerstörung bewahrt
Im Juli hatte der Bauausschuss beschlossen, die neue Straße in dem neuen Wohnquartier auf dem Gelände der früheren Hemdenfabrik Rost nach dem früheren Bürgermeister Baptist Hofmann zu benennen. Diese hatte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs mit Braumeister Max Stinglwagner und Metzgermeister Hans Krug die Stadt Lichtenfels kampflos an die anrückenden US-Truppen übergeben und damit vor der Zerstörung bewahrt. Auf Hinweis von Bernhard Christoph (Grüne) bei der folgenden Sitzung des Lichtenfelser Stadtrats ließ die Stadtverwaltung aber noch einmal die Vita von Baptist Hofmann überprüfen, worauf die nicht unstrittige Vergangenheit des NSDAP-Mitgliedes herauskam. Daraufhin sollte in der September-Sitzung des Bauausschusses über einen neuen Namen für die Straße abgestimmt werden. Bereits damals hatte die Verwaltung Sofie Seliger vorgeschlagen.
Auf Antrag von Frank Rubner wurde die Entscheidung allerdings vertagt. Am Dienstag begründete der CSU-Stadtrat noch einmal, wieso seine Fraktion mit der Entscheidung für den neuen Namen nicht glücklich gewesen war. "Bisher haben wir in den Fraktionen immer im Vorfeld über Namensänderungen beraten. Noch im Sommer wurden diverse Namen für diese Straße genannt, darum fanden wir es verwunderlich, dass uns die Verwaltung einen Namen vorgesetzt hat", so Rubner. Als alternativen Namen schlug er Ariccia-Straße vor. Schließlich seien nach den anderen Partnerstädten von Lichtenfels ebenfalls schon Straßen im Stadtgebiet benannt worden.
Im Gegenzug könnte man die ehemalige Synagoge nach Sophie Seliger umbenennen. "Da hat sie gewirkt, da gehört ihr Name hin. Und nicht zu einer kleinen Sackgasse in Lichtenfels", sagte Rubner. Unterstützung für diesen Vorschlag gab es von Johannes Oppel (WLJ): "Wenn wir diese Straße jetzt nach Sofie Seliger benennen, dann kommt das wie eine Notlösung rüber und wird der Frau nicht gerecht."
Bürgermeister Andreas Hügerich dagegen betonte, dass die Bezeichnung für das einstige jüdische Gotteshaus in Lichtenfels mit ehemalige Synagoge bewusst gewählt sei. Hügerich: "Wir haben einen Fehler gemacht, die Straße nach Baptist Hofmann benennen zu wollen. Jetzt wollen wir ein klares Zeichen setzen, indem wir ihr den Namen von Sofie Seliger geben." Natürlich könne man sich Gedanken machen, die ehemalige Synagoge nach ihr zu benennen, doch dafür wären Hauptausschuss oder Stadtrat zuständig. Unterstützung für den Vorschlag gab es von Helmar Zipp (SPD), der sich über den Vorwurf Rubners ärgerte, dass die Verwaltung dem Gremium einen Namen "vorgesetzt" hätte. "Der Name wurde uns von der Verwaltung vorgeschlagen. Im Übrigen finde ich es gut, dass wir uns mit Geschichte beschäftigen", so der Reundorfer . Ebenfalls Zustimmung signalisierten Siegbert Koch (Grüne; "Wir hatten lange genug Zeit, über Namen zu diskutieren") und Elke Werner (SPD; "Die Größe der Straße ist für eine Benennung nach Sofie Seliger nicht ausschlaggebend") Gegen die Stimmen von Frank Rubner, Otto Dinkel, Alfred Thieret (alle CSU) und Johannes Oppel nahm das Gremium den Vorschlag der Stadtverwaltung an und benannte erstmals seit Jahren wieder eine Straße im Stadtgebiet nach einer Frau.
Kritikpunkte Die königlich privilegierte Scharfschützengesellschaft darf ihre Schießsportanlage vergrößern. Grünes Licht dazu gab es vom Bauausschuss. Allerdings bezeichnete Stadtbaumeister Gerhard Pülz die eingereichten Pläne als "mangelhaft". So entspreche beispielsweise der Lageplan nicht dem Original. "Da die Stadt Eigentümer des kompletten Areals ist - dazu gehören auch die Sportanlagen der Turnerschaft, des FC und des Athleten-Clubs - und diese in Erbpacht den Vereinen überlassen hat, sind genau Pläne notwendig", betonte Pülz. Bereits im Vorfeld habe es intensive Gespräche der Schützen mit der Turnerschaft gegeben, die Bedenken geäußert hatte, dass sie für eine mögliche eigene Erweiterung keinen Platz mehr habe. Aus diesem Grund werde sich das Bauamt noch einmal mit dem Planer, den Schützen und der TS zusammensetzen und noch ausstehende Fragen und Details klären, so Pülz.