Herr Kolling, das "Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte", welches Sie seit zwölf Jahren ehrenamtlich herausgeben, ist das erste und einzige dieser Art im deutschen Sprachraum. Wie wurden Sie Teil dieses Projektes?

Hubert Kolling: Ich selbst habe vor meinem Studium eine Ausbildung als Krankenpfleger gemacht und mehrere Jahre im Krankenhaus gearbeitet. Während der Ausbildung hatte ich eine Schulleitung, die es verstanden hat, mich für die Geschichte der Krankenpflege zu interessieren. Später habe ich dann den ersten Band dieses Lexikons in die Hand bekommen. Schnell habe ich gemerkt, dass ganz wichtige Personen fehlten. Ich habe daraufhin Kontakt mit dem Herausgeber Horst-Peter Wolff aufgenommen und daraus hat sich eine wirklich sehr, sehr gute Zusammenarbeit ergeben. Herr Wolff war der frühere Pflegehistoriker in der DDR und hat dieses Buch-Projekt ursprünglich an der Uni gestartet. Es gibt ja seit inzwischen gut 30 Jahren eine Akademisierung der Krankenpflege und was bis da gefehlt hatte, war ein entsprechendes Nachschlagewerk. Dass das bis heute so einen Umfang annehmen würde, war nicht gedacht. Herr Wolff wollte ursprünglich gar keine Reihe gründen. Aber ich habe ihn animiert, einen zweiten Band zu veröffentlichen.

Mittlerweile umfasst die Reihe neun Bände. Die neueste Ausgabe ist diesen Februar erschienen. Was ist es, das Sie an der Pflegegeschichte fasziniert?

An der Geschichte der Krankenpflege interessiert mich vor allem, dass es sehr, sehr unterschiedliche Personen in den verschiedensten Berufen gab, die sich für die Krankenpflege eingesetzt haben. Wenn man einen Blick in die Geschichte wirft, wird man sehen, dass viele der Probleme, die heute unter dem Begriff "Pflegenotstand" zusammengefasst werden, auch in der Vergangenheit präsent waren. Und immer wieder gab es Menschen, in den verschiedensten Berufen und zu den verschiedensten Zeiten, die genau auf diese Probleme hingewiesen haben, die versucht haben, Dinge zu verändern. Von daher ist es nur folgerichtig, dass in dem Lexikon die verschiedensten Berufsgruppen zu finden sind. Das heißt, es gibt auch Vertreter aus der Politik, aus der Justiz oder aus der Gewerkschaftsbewegung.

Das heißt, Sie fassen den Begriff "Pflegeberuf" sehr weit. Welche Kriterien müssen die verschiedenen Personen denn erfüllen, um in Ihr Nachschlagewerk aufgenommen zu werden?

Wir gehen wirklich von einem weit gefassten Pflegebegriff aus. Ganz einfach deswegen, weil sowohl historisch als auch gegenwärtig sehr, sehr unterschiedliche Akteure großen Einfluss auf die Ausgestaltung der Krankenpflege hatten und haben. Entscheidend für die Aufnahme in das Lexikon sind zwei Kriterien: Zum einen, dass die Personen verstorben sind. Wie der Buchuntertitel sagt: Es ist kein "Who is who", sondern ein "Who was who". Zum zweiten, dass Besonderheiten im Hinblick auf die Krankenpflege und deren Entwicklung bestehen. Mir nützt kein/e Mediziner/in was, wenn er/sie nichts für die Krankenpflege getan hat. Wichtig ist mir, den Pflegenden ein Gesicht zu geben.

Wie viele Personen sind im Laufe der Jahre in Ihrem Lexikon zusammengekommen?

Im Verlauf von gut 20 Jahren haben wir tatsächlich 1400 verschiedene Personen in das Lexikon aufgenommen. Wobei es auch einen gewissen Teil gibt, der nicht aus Deutschland ist. Wir schauen über den Tellerrand hinaus und nehmen immer auch Personen aus anderen Ländern auf. Außerdem gibt es nicht nur Heldinnen und Helden in der Krankenpflege, sondern auch Personen, die sehr destruktiv gewirkt haben. Zum Beispiel die, die an der NS-Euthanasie aktiv beteiligt waren. Auch diese Personen wurden von uns zum Teil schon bearbeitet. Es geht nicht darum, dass man sagt: "Hier ist ein Buch mit lauter Helden". Sondern auch darum, dass man über Personen etwas nachlesen kann, die sehr negativ aufgefallen sind.

Welche Biografie aus dem aktuellen Band 9 hat Sie besonders beeindruckt?

Es ist ungewöhnlich, in einem biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte einen Paläontologen zu finden. Dr. Otto Olshausen [1840-1922, Anm. d. Red.] hat sich im ersten Leben für die Frühgeschichte interessiert und war promovierter Chemiker. Er hat sich dann dafür entschieden, sich der Krankenpflege zu widmen und hat ein entsprechendes Buch geschrieben, in dem er für Verbesserungen in der Krankenpflege geworben hat. Außerdem hat er 20 Jahre lang das Märkische Haus für Krankenpflege geleitet. Das ist eine Persönlichkeit, die sicherlich nicht alltäglich ist, und die man im Lexikon nicht vermuten würde.

Sprechen wir über den Zeitraum, den die Bände abdecken. Wie weit reichen die Biografien zurück?

Der Schwerpunkt liegt sicherlich im 20. Jahrhundert. Bedingt dadurch, dass sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts die Krankenpflege als Berufsbild etablierte und sich dann im Laufe des 20. Jahrhunderts immer stärker ausprägte. Nichtsdestotrotz gibt es auch Pflegeorden, die bereits vor drei-, vierhundert Jahren gegründet wurden. Von daher findet man in dem Lexikon auch Personen, die im Mittelalter, Spätmittelalter oder in der Frühen Neuzeit gelebt haben.

Wie wurde aus einer selbstverständlichen Notwendigkeit, kranke und schwächere Menschen zu pflegen, ein Beruf?

Den Übergang der Krankenpflege von einer Laientätigkeit zu einem Beruf kann man im 19. Jahrhundert mit der Ausbreitung der Medizin und der Krankenhäuser verorten. In den wachsenden Großstädten wurde mit einer Ausdifferenzierung des Krankheitsbilds ein höherer Bedarf an gut ausgebildetem Pflegepersonal notwendig. Auch wurden Röntgen- oder Narkoseschwestern aufgrund der Entwicklung in der Medizin und der Medizintechnik notwendig.

Lassen Sie uns noch kurz in die Gegenwart blicken. Es hat eine Pandemie gebraucht, bis den Menschen in Deutschland bewusst geworden ist, wie wichtig und wie eklatant unterbesetzt Pflegeberufe sind. Was können und müssen Politik und Gesellschaft gegen einen Pflegenotstand tun?

Was sich im Prinzip jeder fragen müsste und sollte, ist, wie man selbst gepflegt werden möchte. Also was ist uns die Pflege im wahrsten Sinne des Wortes wert? Generell wird die Politik die Rahmenbedingungen schaffen müssen. Ob eine Pflegekraft fünf oder zehn Personen zu betreuen hat, das wären Rahmenbedingungen, die die Politik regeln müsste. Es ist ja kein neues Phänomen. Auch in den 70er Jahren hatten wir schon einen massiven Pflegenotstand, der dazu geführt hat, dass ähnlich wie jetzt versucht wird, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben. Dadurch wird verkannt, dass die Probleme, die wir hier haben, in anderen Ländern natürlich auch bestehen. Es ist durchaus kritisch zu sehen, dass Fachkräfte, die in ihrem eigenen Land dringend gebraucht werden, hier bei uns einsetzt werden.

Jetzt steht als letztes noch eine entscheidende Frage aus: Wird es einen Band 10 geben?

Ja, angedacht ist, dass es tatsächlich einen kleinen "Jubiläumsband" geben wird, den Band 10. Allerdings kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob dieser 2021 oder erst im darauffolgenden Jahr erscheinen wird. Dabei hätte anfangs ja nie jemand gedacht, dass das Lexikon überhaupt mal so viele Bände umfassen wird. Das Gespräch führte Bettina Dirauf.