Als die aufblasbare Leinwand schon längst in sich zusammengefallen war, saßen Bernd Hidding und Werner Schiffgen noch für einen Plausch in den gemütlichen, etwas futuristisch anmutenden blauen Plastiksesseln, die zu hunderten den nächtlichen Marktplatz bedeckten. Zufrieden beide, der eine Kinobetreiber aus Lichtenfels, der andere Citymanager und Mitinitiator des Geschehens. Soeben ging der Samstagsfilm zu Ende, das Publikum verlor sich in alle Winde und die mitternächtlichen Aufräumarbeiten setzten ein. Drei Tage Open-Air-Kinosommer sind, obwohl noch die Vorführung ausstand, ab diesem Zeitpunkt als voller Erfolg zu werten.

Anneliese Schwarz hat ihren Fischstand geöffnet. Das tut sie um diese Uhrzeit wohl nur am Korbmarkt. Wenn keine Kundschaft kommt, nimmt sie sich die Freiheit, tritt aus ihrem Stand heraus und verfolgt Life of Pi mit.
Von Zeit zu Zeit beugt sie sich ein wenig runter und versucht unter ihren rollenden Fischstand nach möglichen Kunden zu lugen. "Ich finde es gut, dass Lichtenfels wieder aufgebaut wird", sagt sie. Sie genießt die Abendluft und den wolkenfreien Nachthimmel, unter dem auf 50 Quadratmeter und just unter dem Sternbild des Großen Wagens eine Geschichte von der Leinwand flimmert. Ihre Entscheidung als Unternehmerin, ihren Stand geöffnet zu halten, hat sie nicht bereut. Am Freitag, zu "Django unchained", waren es über 400 Besucher, am Samstag dürften es über 500 gewesen sein, die es zum Lichtenfelser Kinosommer in die Innenstadt zog. Der Abend ist lau, man sitzt beieinander und gäbe es keine Leinwand, könnte man an ein riesiges Straßencafé glauben.

Es hat etwas Zusammenführendes", befindet Özgür Düdükcü am Samstag über das soeben erlebte Ereignis. "Dort, wo sich untertags die Leute begegnen, treffen sie sich abends hier." Wie hunderte andere Menschen saß er gebannt in einem der Sessel und folgte der Geschichte um einen Schiffbrüchigen, der sich ein Boot mit einem Tiger teilen muss. Am Vorabend entführte der Kinosommer in den Wilden Westen kurz vor dem Sezessionskrieg. Am Sonntag wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der zu DDR-Zeiten eine Sushi-Bar betreibt. Ob das nächstes Jahr wieder stattfinden solle? "Klar", sagt Düdükcü.

"Klar", findet auch Bernd Hidding. Der Betreiber des Lichtenfelser Kinos geht sogar so weit, dazu noch etwas beisteuern zu wollen. Und das, obwohl sicher manch einer während der drei Tage die kostenlosen Filme auf dem Marktplatz den kostenpflichtigen Filmen in Hiddings Kino vorgezogen hat. Hidding steuerte das Popcorn bei, die Nachos, und was man sonst zum Kino benötigt. Den Gewinn aus dem Verkauf will er spenden. Zugunsten einer Neuauflage im kommenden Jahr, zugunsten einer Kinokultur in bester Digitalqualität, zugunsten einer abendlichen Stadt, die durch Beleuchtung zudem in schönstes Licht getaucht wird.

Melanie Pförtsch lebt nicht mehr in Lichtenfels. Sie ist eine Ex-Lichtenfelserin, die am Freitag zurückgefunden hat. Dabei landete sie auf dem Marktplatz. Während hinter ihr Quentin Tarantinos Django um seine Freiheit kämpft, steht sie um einen Imbiss an. "Ich finde es gut, es kommt Leben rein", sagt sie und lobt die Filmauswahl. Heute erwägt sie, morgen wiederzukommen. In diesem Jahr erwägt sie, im Falle eines Falles, im nächsten ebenfalls wiederzukommen.