Im frühen 20. Jahrhundert trat die Elektrizität im Raum Lichtenfels ihren Siegeszug an. An vielen Orten entstanden Elektrizitätswerke, die das jeweilige Dorf und ein paar Nachbarorte mit elektrischer Energie versorgte. Das Beneckesche Elektrizitätswerk in der Hochstadter Mühle machte 1902 den Anfang, doch bald folgte Redwitz an der Rodach.

Schon 1899 hatte der Redwitzer Mühlenbesitzer Georg Wagner den Plan gefasst, "in und an meiner Mahlmühle zu Redwitz, Hs. No 6, eine elektrische Centrale zu errichten und den Ort Redwitz mit elektrischem Licht und elektrischer Kraft zu versehen. Zur Erzeugung der Elektricität soll die meiner Mühle zustehende Wasserkraft des Rodachflußes verwendet werden." Wagner starb jedoch bereits am 6. März 1900, ohne dass er seine Absicht in die Tat umgesetzt hatte.

Zweiter Anlauf klappt

Einige Jahre später griffen die neuen Eigentümer der Redwitzer Mühle, Hugo Hoschke und Otto Zinke aus Leipzig, das Projekt an. Ihre Firma, die "Vereinigte Electricitätswerke u. Maschinenbau Gesellschaft Redwitz a. R.", kündigte Anfang 1903 die Gründung einer "electrischen Centrale" an, die auch Marktgraitz, Unterlangenstadt, Trainau, Obristfeld und Horb am Main mit Strom versorgen solle. Kurz darauf war die Anlage fertiggestellt und lieferte Strom. So wurden im Mai 1903 bereits drei Elektromotoren in Redwitz betrieben: Schreinermeister Adam Reh hatte eine strombetriebene Kreissäge, Gutsbesitzer Paul Gampert einen Futterschneider, und Brauereibesitzer Paul Hanna nutzte Elektrizität "zum Brauerei- und Oekonomiebetriebe".

Das Bayerische Gewerbemuseum in Nürnberg, die heutige Landesgewerbeanstalt, gutachtete im Juni 1903, dass "sowohl die Stromerzeugungsanlage als auch das Leitungsnetz in einem Zustande sind, die im Interesse der öffentlichen Sicherheit als äusserst bedenklich bezeichnet werden müssen. [...] Zur Zeit ist eine Dynamomaschine in Betrieb, welche durch Wasserräder angetrieben zum Laden einer aus 66 Elementen bestehenden Akkumulatorenbatterie dient, von welcher aus elektrische Energie an die Bewohner von Redwitz abgegeben wird."

Im September 1903 stellte ein Ingenieur des Gewerbemuseums fest, die Hausanschlüsse seien "sämmtlich unvorschriftsmäßig hergestellt", das dafür verwandte Material sei "teilweise äußerst minderwertig". Wenig später, am 30. Oktober 1903, ging das Elektrizitätswerk in den Besitz der Firma "Electricitätswerke Redwitz a. d. R. F. H. Pülz & Co." über, von der sie zwei Monate später der Bürgermeister von Redwitz, Bäckermeister Heinrich Maier, und der Buchhalter Georg Sturm übernahmen. Während Anfang 1904 die Hausanschlüsse keine wesentlichen Bedenken mehr hervorriefen, erregten das Elektrizitätswerk selbst und die dort beschäftigten Menschen heftige Kritik beim Gewerbemuseum: "Das dortige Personal erscheint zu einem gefahrlosen Betrieb des Elektrizitätswerkes und zu der unbedingt nötigen Kontrolle der Hausinstallationen völlig ungeeignet. Die Errichtung der Zentrale in ihrem jetzigen Zustande muss seitens der Erbauer mit Rücksicht auf die Gefährdung des Bedienungspersonals als gewissenlos bezeichnet werden."

Die öffentlichen Stellen waren nicht bereit, den jungen Ingenieur Erich Grabs aus Eberswalde als Betriebsleiter zu akzeptieren. Als die Eigentümer ihn nicht durch einen erfahreneren Fachmann ersetzten, ordnete das Bezirksamt Lichtenfels am 11. März 1904 die sofortige Betriebsstillegung an. Eindringlich widersprachen Maier und Sturm. Ein Stillstand des Werks werde dazu führen, dass die "Akkumulatorenbatterien, mit welchen nur unser gesammter Betrieb aufrecht erhalten werden kann und die eine geradezu enorme Kapitalsanlage verschlungen haben, durch den Nichtgebrauch in aller kürzester Zeit vollkommen betriebsunfähig sein würden". Doch "in jedem Augenblick" könnten sich "Brände bezw. Unglücksfälle" ereignen, meinte das Gewerbemuseum.

Angesichts dieser technischen Mängel dauerte es sechs Wochen, bis diese behoben waren und der Betrieb wieder aufgenommen werden durfte. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten Maier und Sturm bereits Konkurs angemeldet. Im März 1905 ersteigerte der Coburger Maschinenfabrikbesitzer Andreas Flocken (1845-1913) das Elektrizitätswerk für 30 500 Mark. Mit ihm trat eine Erfinderpersönlichkeit auf den Plan, der in jüngster Zeit "wiederentdeckt" wurde. Der gebürtige Pfälzer betrieb seit 1880 eine Maschinenfabrik in Coburg. 1888 - zwei Jahre, nachdem Carl Benz sein Patent auf seinen Motorwagen mit Verbrennungsmotor eingereicht hatte - nahm Flocken ein rein elektrisch betriebenes Fahrzeug in Betrieb. Energieträger waren Bleiakkumulatoren. Mehrmals verbesserte er seinen Elektrowagen. Unter Flocken arbeitete das Redwitzer E-Werk, geleitet von dem erprobten Maschinisten und Monteur Franz Oswald Hässelbarth aus Debschwitz bei Gera, ohne Probleme. Ab 1911 wird als Eigentümer Adolf Mittmann genannt, geboren 1866 in Breslau, verheiratet mit einer Tochter Flockens und bis 1910 in Schöneberg bei Berlin wohnhaft. Mittmann verkaufte sein Werk 1927 dann an die Bayerische Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschaft. Mit der BELG, 1914 gegründet, begann eine neue Epoche in der Geschichte der Stromversorgung Oberfrankens.