Kerstin Schmidt ist sehr wahrscheinlich die kartoffelsachverständigste Frau im Landkreis. 30 Sorten reifen derzeit in ihrem Garten heran. 40 waren es auch schon einmal. Wer ihren Garten betritt, findet sich in einer von Schönheiten durchdrungenen Nutzfläche wieder. Oder anders herum. Auch Führungen haben dort schon stattgefunden.

Kerstin Schmidt gehört keinem Gartenbauverein an. Es gebricht der Beamtin, die an der Umweltstation in Weismain arbeitet, an Zeit. Mit den Gartenbauvereinen und ihren Jugendgruppen hat sie beruflich zu tun. Verbindung besteht. In den Bann der Knolle geriet die Redwitzerin um das Jahr 1998 he rum, als sie im Urlaub in Nordfriesland die Bekanntschaft mit einem kauzigen Bio-Gärtner machte. Sie schildert den Mann als ein Original, der bestimmte Sorten kreuzte. Auf dem Tischchen unter dem Baum, unter dem auch zwei Stühle stehen, steht das Modell einer Kartoffel. Sie ist aufgeschnitten und aus Holz und erklärt auf diese Weise anschaulich Vitamingehalt und Brennwert, Kohlenhydrate und Eiweißgehalt. Cusoi, Ostbote oder Bicolor heißen nur drei der von Kerstin Schmidt gezüchteten Arten. Sie stammen aus Peru, Deutschland und Bolivien. Kartoffel ist nicht gleich Kartoffel. Manche haben tiefer liegende Augen, andere schmecken mehliger, wieder andere cremiger und ganz andere sind festkochend. "Ich sehe uns so ein wenig als Erhalter der Sorten", sagt die Frau mit dem Herz für die Artenvielfalt. Bedarf an Erhaltenden besteht, denn beispielsweise im Zuge einer Normung sollte die Kartoffelsorte Linda vom Markt genommen werden. So geht's zu in der EU.

Gärtnern im Quadrat - das beschreibt den Garten in ihrem Garten, sieben Meter lang, sieben Meter breit - so ungefähr. Eingezäunt durch Latten, diese wiederum durch Blumen und Sträucher verdeckt. Das würde den Kartoffelkäfer etwas in die Irre führen, sagt Kerstin Schmidt. Eine der zu Tarnzwecken verwendeten Strauchsorten heißt Phlox, die Blüten davon sind essbar und schmecken leicht süßlich. Kerstin Schmidt schmunzelt, sie weiß um solche Zusammenhänge. Sie weiß so viel über die Natur, dass sie Vorträge über "Kartoffeln und ihre Verwandten" hält. Auch fährt sie im Landkreis über Land und gibt Kindern, beispielsweise von den Jugendgruppen der Obst- und Gartenbauvereine, Anschauungsunterricht. Im Sommer ist sie mit dem Umweltmobil unterwegs, weil: "Wir wollen Jugendgruppen fürs Gärtnern begeistern. Die Großeltern haben sich übers Gärtnern zum Teil noch selbst versorgt - da wollen wir zeigen, dass auch auf kleinstem Raum Gärtnern einträglich sein kann." Selbst einen Milch- und Quarkkurs hat sie schon an Schulen gehalten. Ihr Wissen um die Vorgänge in der Natur ist fundiert. Unterbricht man sie nicht, führt sie Betrachtungen über Milchsäurebakterien, die unterschiedliche Beschaffenheit von Böden oder gute und schlechte Nachbarschaften bei Kartoffeln aus. Ihr Mann staunt immer wieder darüber, mit welcher Geschwindigkeit sie neue Informationen zur Natur aufnimmt, welch großes Wissen sie hat und wie sie das alles behalten kann.
Schmidts Garten ist ein Wohlfühlort. 800 Quadratmeter, nicht englisch beschnitten und akkurat, dafür lebendig und mit allerlei Nischen. Da wären die Bienenunterkünfte, das Gewächshaus, das Baumhaus, die Ecke für Grillfeiern am Teich. Man ist fröhlich hier und entspannt. Es gibt so etwas wie Dickicht, es gibt aber in all dem auch eine Ordnung. Die, so sagt die Beisitzerin eines Imker-Vereins, lasse sich durchaus auch mit der Raumaufteilung im Haus selbst vergleichen. Die Orte, wo Geselligkeit oder Entspannung herrschen, oder wo Wasser fließt, seien im Garten wie im Haus ähnlich angeordnet. Auf jeden Fall ist der Garten die "Trennlinie zwischen Beruflichem und Privatem".
Ihre Kartoffelernte beläuft sich auf zwei Zentner im Jahr, höchstens. Sie und ihr Mann pflanzen und erhalten nicht auf Ertrag zielend, sondern um die Artenvielfalt zu bewahren. Einmal dufte die Kindergruppe des ortsansässigen Gartenbauvereins, die "Redwitzer Maulwürfe", zu Schmidts kommen, um die "tolle Knolle" vom Entstehen bis zum Vergehen besser kennen zu lernen.