Rein mit dem Stäbchen in die Nase, ein bisschen drehen, kurz rütteln, raus und ab damit ins Glasröhrchen - das war's. Für Oliver Reinsberg ist es eine Premiere: der erste Corona-Antigentest seines Lebens. Der Mitarbeiter bei Richter Steuerungstechnik/ W.E.T. in Krumme Fohre nutzt am Dienstag die Gelegenheit seines Arbeitgebers, sich testen zu lassen. "Das war okay, kein Problem, nicht mal die Augen tränen. Danke, Andreas."

Das Lob gilt Andreas Schilde. Als Fachkraft für Arbeitssicherheit ist er dafür zuständig, die nötigen Abstriche zu machen. Dafür hüllt er sich in einen Schutz-Umhang aus Plastik, streift sich ein Doppelpaar Handschuhe über, ruckelt den allgegenwärtigen Mund-Nasenschutz zurecht und stülpt sich zusätzlich ein Visier über die Stirn. Die Prozedur dauert. Und der nächste Proband wartet schon.

Covid-19-Tests beim Arbeitgeber - für das Unternehmen in Krumme Fohre mittlerweile Alltag. "Derzeit haben wir annähernd 160 Angestellte, denen wir das Angebot unterbreiten", sagt Geschäftsführer Michael Otte. Dafür wurde Andreas Schilde vom Betriebsarzt geschult. Seit sechs Wochen wird den Mitarbeitenden ein Testangebot unterbreitet, und zwar derzeit ein Mal pro Woche. "Wir haben das im Vorgriff auf das getan, was immer wieder als mögliche Pflicht durch den Raum geistert." Otte selber ist Vorstandsmitglied des regionalen Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw). Dort hatte man bereits vor zwei Monaten die beteiligten Firmen ermutigt, Tests aus eigenem Antrieb anzubieten.

Enorme Zusatzkosten

Eine vom Bund diskutierte Pflicht zu Tests am Arbeitsplatz sieht der Geschäftsführer kritisch. "Wenn ich als Unternehmer dazu verdonnert werde, kostet mich das monatlich einige tausend Euro. Gut könnte man sagen, sind halt zusätzliche Betriebsausgaben. Die Sache hat nur zwei Haken: Erstens kann und darf ich meine Mitarbeitenden nicht verpflichten, diese Tests auch vornehmen zu lassen, denn das würde in grundlegendste Persönlichkeitsrechte eingreifen - eine Pflicht kann ich gegen den Willen der Betreffenden gar nicht durchführen, und ich könnte eine Ablehnung auch nicht sanktionieren."

Zweitens: Die Tests, die er verwendet, seien momentan vergriffen. "Derzeit hat das Unternehmen zwar noch Bestände, aber für die Nachbestellungen hat uns der Hersteller schon jetzt auf spätere Liefertermine vertröstet. Ich weiß also gar nicht, ob wir die Tests in ausreichender Zahl bekämen für den Fall, dass es zur Pflicht zwei Mal pro Woche würde." Die Verfügbarkeit des Materials müsse gewährleistet sein, sagt Otte und spielt den Ball weiter. "Das ist eine Aufgabe der Politik, die sich auch darum zu kümmern hat, wenn man schon eine Pflicht einfordert. Die Verantwortlichen aber bleiben eine konkrete Auskunft dazu, wie das in der Praxis laufen soll, leider schuldig."

Wo Otte, der selber politisch als FDP-Kreisvorsitzender tätig ist, einen "dicken Hals" bekommt, ist bei Aussagen darüber, es sei den Unternehmern angeblich egal und ihnen läge die Gesundheit der Angestellten weniger am Herzen als der eigene Profit. "Wer bitteschön denkt sowas? Ich hole mir doch nicht willentlich oder fahrlässig Corona ins Haus, da würde ich mir sowas von selber ins Fleisch schneiden. Das Gegenteil ist der Fall: Wir tun bereits von uns alles, um unsere Mitarbeiter/innen vor einer Infektion zu schützen - es wird nur entweder nicht gesehen oder ungerechter Weise schlecht geredet."

Als jemand, der sich im Alltag mit Prüf- und Messtechniken befasst, stellt Otte noch eine ganz andere Frage: "Wenn unser aller Handeln auf Zahlen basiert, auf Inzidenzen, die wiederum mit der Teststrategie stehen und fallen, muss man doch klarstellen: Wie genau sind diese Schnelltests? Man hört viel von falsch Positiven oder falsch Negativen. Wenn das System auf womöglich einer hohen Fehlerquote beruht, dann hätten wir in Kürze absolutes Chaos."

Nur eine Momentaufnahme

Dazu kommt: Jedes Ergebnis ist letztlich nur eine Momentaufnahme. "Wir testen am Montag - und am Dienstag könnte das Ergebnis schon wieder obsolet sein, weil sich der Betreffende am Feierabend angesteckt haben könnte. Es gelten bei Covid-19 ja etwa fünf Tage Inkubationszeit, bis es zu Symptomen kommt." Otte berichtet von einem Familienvater, dessen Frau und Kinder positiv getestet wurden, der Mann selber hingegen zwei Mal negativ. "Trotzdem musste er in Quarantäne bleiben."

In seiner Firma seien alle Hygienemaßnahmen umgesetzt, zudem sei die Homeoffice-Quote auf 50 Prozent angewachsen, so Otte. "Was unsere Büro- und Verwaltungstätigkeiten angeht, haben wir zwei unterschiedliche Blöcke eingeführt, so dass es keinen Begegnungsverkehr gibt. Die Leute sehen sich praktisch nie." Das funktioniere mit den Mitarbeitenden an den Maschinen und in der Produktion freilich nicht. "Hier muss ich auf Präsenz Wert legen. Und diese Kollegen brauchen Ansprechpartner vor Ort, die die Menschen anleiten. Das lässt sich nicht via Telefonkonferenz von zu Hause aus organisieren."

Minimum: einmal pro Woche

Seit Dienstag gilt bundesweit: Arbeitgeber müssen allen Beschäftigten, die nicht im Home-Office tätig sind, Corona-Tests anbieten. Das hat die Bundesregierung beschlossen, und zwar mittels einer Änderung der Arbeitsschutzverordnung. Die Verordnung des Bundesarbeitsministeriums erlaubt es, dass Selbsttests oder wahlweise Schnelltests vorgenommen werden. Festgelegt ist nur, dass es sich um Tests handeln muss, die dem direkten Erregernachweis des Coronavirus' dienen.

Diskussionen hatte es unter anderem über die Vorgaben zu Häufigkeit dieses Testangebots gegeben. Nun heißt es: Im Regelfall muss den Beschäftigten mindestens ein Corona-Test pro Kalenderwoche angeboten werden; für Gruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko sind zwei Testangebote pro Woche ausdrücklich vorgeschrieben. Das betrifft unter anderem Personal mit regelmäßigen Kundenkontakten, darüber hinaus Mitarbeiter, die in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind, sowie Beschäftigte, die körpernahe Dienstleistungen ausführen.

Fakultativ für Arbeitnehmer

Die Test-Angebotspflicht besteht für die Arbeitgeber - den Arbeitnehmern hingegen steht es frei, diese Angebote anzunehmen. Laut Bundesarbeitsministerium seien dafür die rechtlichen Hürden zu hoch. Die Bundesregierung kann lediglich die Betroffenen aufgerufen, die Testangebote auch wahrzunehmen.

Den Arbeitgebern obliegt es, die Tests ausreichend zur Verfügung zu stellen und eine entsprechende Dokumentation über die Beschaffung respektive Bereitstellung zu führen. Sie müssen aber nicht dokumentieren, dass Mitarbeitende die Tests in Anspruch nehmen. Die Vorgaben sind auch erfüllt, wenn Beschäftigten Selbsttests nach Hause geschickt oder Selbsttests für alle zugänglich im Betrieb bereitgestellt werden. Die Kosten müssen allein die Arbeitgeber tragen.

Abstriche machen in der Pandemie: So handhaben Unternehmen das Testen im Betrieb

Töpfer: Bei der Töpfer GmbH in Kulmbach steht laut eines hausinternen Pandemieplans, der laufend angepasst werde, den 240 Mitarbeitenden bereits seit Oktober jeweils mindestens ein kostenloser medizinischer Schnelltest pro Woche zur Verfügung. Die Kosten pro Schnelltest belaufen sich nach Firmenangaben auf rund 15 Euro. "Zwischenzeitlich nehmen etwa 50 Prozent unserer Beschäftigten dieses freiwillige Angebot pro Woche an", bekundet Geschäftsführer Peter Schneider. Weiter heißt es: "Nicht nur weil nun auch der Gesetzgeber dies unterstützt, haben wir ein qualifiziertes Team von acht Spezialisten, die diese Schnelltests

durchführen oder die Mitarbeiter durch Selbsttests führen." Ferner stelle man für die Mitarbeitenden auch Testnachweise aus. Darüber hinaus gebe es die Möglichkeit, Schnelltests selbst zu Hause durchzuführen. "Als letzte und wirksamste Form der Unterstützung gibt es seit drei Wochen sogar die Möglichkeit, in unserer Unternehmenszentrale innerhalb von 36 Stunden offizielle PCR-Tests mit Zertifikat durchführen zu lassen. Die Kosten dafür belaufen sich auf etwa 75 Euro pro PCR-Test."

Glen Dimplex: Die Glen Dimplex Deutschland GmbH in Kulmbach sagt Corona mit einem umfassenden Maßnahmenplan den Kampf an. Dabei tue das Unternehmen deutlich mehr als vom Gesetzgeber vorgegeben, heißt es. Jedem der 800 Mitarbeitenden stünden seit Mitte April kostenlose Corona-Schnelltests zur Verfügung. Einmal pro Woche können die Tests - außerhalb medizinischer Labors oder Arztpraxen - von jedem selbst durchgeführt werden. Die Initiative beruhe auf Freiwilligkeit. "Damit können wir Infektionen frühzeitig erkennen und Infektionsketten wirksam unterbrechen", betont Personalchef Michael Landgraf. Bereits seit Anfang des Jahres habe die betriebsmedizinische Abteilung stichprobenartig Corona-Tests durchgeführt. Darüber hinaus wolle sich Glen Dimplex daran beteiligen, Mitarbeiter zu impfen, sobald entsprechende Möglichkeiten geschaffen wurden.

Baur: Rund 20 000 Schnelltests seien auf Lager, weitere 90 000 bestellt: Bei Baur in Burgkunstadt bereitet man sich darauf vor, das verpflichtende Corona-Testangebot für Unternehmen umzusetzen. Betriebssanitäter Klaus Meusel ist optimistisch, dass die Aktion ein Erfolg wird. 1200 Mitarbeiter in dem Unternehmen arbeiteten im Homeoffice, der größere Teil, die Logistiker, Handwerker, Wartungstechniker und Mitarbeiter der Foto-Studios, könne dies aber nicht. Das sind in der Summe etwa 3000 Beschäftigte. Ein Trio kümmere sich darum, wenn Mitarbeiter nach einzelnen Corona-Fällen getestet wurden. 2000 Tests wurden so vorgenommen. Nach einem positiven Ergebnis isolierten sich Betroffene, um es mit einem zuverlässigeren PCR-Test zu bestätigen.

Ireks: Laut Geschäftsführerin Sabine Krätzschmar wurde die Testaktion zur Minderung des betrieblichen SARS-CoV-2-Infektionsrisikos bei Ireks "entsprechend den gesetzlichen Vorschriften vergangene Woche für alle Mitarbeiter gestartet". Die dafür benötigte Menge an Selbsttests sei rechtzeitig bestellt und auch geliefert worden. "Natürlich sind damit zusätzliche Kosten für das Unternehmen verbunden, die wir zum Schutz unserer Mitarbeitenden und zur Aufrechterhaltung unserer Geschäftsbetriebs tragen und somit auch hier unseren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten." Zahlen zur Häufigkeit der Tests und potenziellen Mehrkosten nannte das Unternehmen nicht.red